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Luis Lintner   versione testuale

Im Gedenken an den in Salvador de Bahia ermordeten Missionar 
 
„Ich bin aus Brasilien hierher gekommen, um am Grab von Luis Lintner zu beten und seinen Angehörigen und seiner Heimatpfarre mein Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen über den gewaltsamen Tod dieses großen Missionars und Glaubenszeugen. In diesem Moment empfinde ich aber auch große Dankbarkeit dafür, dass Padre Luis so viele Jahre in meiner Heimat Brasilien gewirkt hat, ja dass er sein Leben ganz in den Dienst der Ärmsten von Bahia gestellt hat.“
Mit diesen Worten gedachte am Sonntag der Weltkirche, am 20. Oktober 2002 der Erzbischof von Salvador da Bahia, Kardinal Geraldo Majella Agnelo, des Südtiroler Missionars Luis Lintner, der am frühen Morgen des 16. Mai 2002 in der Favela Cajazeiras der brasilianischen Millionenstadt Salvador da Bahia ermordet worden ist. Mindestens zwei Täter hatten ihm vor seinem Haus aufgelauert und ihn mit zwei Schüssen niedergestreckt. „Der Name von Luis Lintner reiht sich in die übergroße Zahl derer ein, die in der Verkündigung der Frohbotschaft und im Dienst am Nächsten alles gegeben und ihren bedingungs- und kompromisslosen Einsatz für die Ärmsten der Armen mit dem Leben bezahlt haben“, sagte Kardinal Agnelo. Der Erzbischof war am 16. Mai, unmittelbar nachdem er vom Schussattentat auf Lintner erfahren hatte, ins Krankenhaus geeilt, wo die Ärzte nur mehr den Tod Lintners feststellen konnten. „Wenige Tage danach, am Pfingstsonntag“, erzählte Kardinal Agnelo, „hätte ich in der Pfarre Lintners die Firmung spenden sollen. Stattdessen feierte ich mit Tausenden Gläubigen die Seelenmesse für den Missionar und Glaubenszeugen.“
 
Luis Lintner wurde am 25. Mai 1940 in Aldein, einem ca. 40 km südöstlich von Bozen gelegenen Bergdorf, geboren. Er war das jüngste von fünf Kindern einer Bergbauernfamilie. Am 29. Juni 1966 in Brixen zum Priester geweiht, war er mehrere Jahre als Kooperator in verschiedenen Pfarren Südtirols tätig. Ab 1973 arbeitete er für sechs Jahr im diözesanen Bildungshaus Lichtenburg bei Nals in der Jugend- und Erwachsenenseelsorge. Der Wunsch, in die Mission zu gehen, war in ihm schon während seiner Studienzeit wach geworden. Während seines Wirkens in der Jugend- und Erwachsenenseelsorge bot er des öfteren Kurse und Vorträge zu Fragen der Mission, der Situation in den Entwicklungsländern und der weltweiten Gerechtigkeit an.
 
Im Mai 1980 schließlich brach er auf, um das Leben der Menschen in den armen Ländern ganz konkret zu teilen und selbst zu leben. Als „fidei donum“-Priester der Diözese Bozen-Brixen führte ihn sein Weg nach Brasilien in die junge Diözese Barreiras. Der aus Österreich stammende Bischof Richard Weberberger vertraute ihm die Pfarren von Tabocas und Brejolandia im Landesinnern von Bahia an. Dort wirkte Luis Lintner elf Jahre lang bei den Kleinbauern. Sein Pfarrgebiet umfaßte ca. 4000 km2 und zählte über 16.000 Einwohner in den oft weit zerstreuten kleineren und größeren Dörfern. „Padre Luis“, wie ihn die ihm Anvertrauten liebevoll nannten, scheute keine Mühen alle Pfarrangehörigen zu besuchen und war oft tagelang unterwegs - zu Fuß, auf dem Pferd oder mit seinem Tojota. Luis Lintner war ganz besonders um den Aufbau von kleinen lebendigen Zellen in den einzelnen Dörfern und Weilern bemüht. Besonders die Ausbildung von Katecheten und -innen war ihm ein wichtiges Anliegen, die in ihren Gemeinden selbständig den Glauben weitergeben und feiern können, da er selbst viele Gemeinden nicht öfter als einmal im Jahr besuchen konnte. Luis engagierte sich in vorderster Front für die Rechte der Kleinbauern im Kampf gegen Großgrundbesitzer und Großkonzerne. In diesem Kampf ließ er sich von Drohungen ebenso wenig einschüchtern wie von der schmerzlichen und tragischen Erfahrung, daß einige seiner Freunde und Mitstreiter ermordet wurden.
 
Luis teilte nicht nur das Leben mit den ihm anvertrauten Menschen, er litt mit ihnen unter deren oft ausweglosen Situation und Ohnmacht. Er sah, wie viele Menschen abwanderten in die Industriestädte in der blinden Hoffnung auf ein besseres Leben oder vertrieben von Dürre oder oft generationenlangen Familienfehden. Doch wusste er, daß die meisten dieser Menschen in den Favelas der Großstädte Brasiliens ein noch größeres Elend erwartete, eine noch tiefere Ausweglosigkeit und oft als einzige Überlebensmöglichkeit der Abstieg in den Sumpf der Kriminalität und Prostitution. Diesen Menschen wollte Luis folgen, ihr noch schwierigeres Leben teilen und erleiden. So entschloss er sich, in einem Stadtrandgebiet zu leben und zu arbeiten.
 
Die Vorsehung Gottes führte ihn nach Salvador, Landeshauptstadt von Bahia, in die Favela Cajazeiras, einem der ärmsten und schwierigsten Armenvierteln mit einer hohen Kriminalitätsrate. Nach einer längeren Vorbereitungszeit übernahm er die Pfarre „Ss.ma Virgem Maria de Nazaré“. Das konkrete Eintauchen in den täglichen Überlebenskampf der aus allen Landesteilen zusammengewürfelten Menschen unterschiedlichster Herkunft und Rassen, ihr hin- und hergerissen Sein zwischen Hoffnung und Resignation, zwischen Aufbruch und Rückschlag, zwischen Menschlichkeit und brutaler Gewalt bedeutete für Luis einen existentiellen Schock. Erst nach Jahren konnte er dem Leben in diesen Vierteln etwas Positives abgewinnen und lernen, mit dem vielen Guten, das auch unter diesen Bedingungen nicht zu ersticken war, zu paktieren. Luis nahm sich von Anfang an der Familien an, die unter den Situationen der Armutsvierteln meist zerbrochen waren. In mühevoller Klein- und Überzeugungsarbeit versuchte er, Netze der Solidarität zwischen den einzelnen Familien aufzubauen und zu stärken. Durch Kurse und Weiterbildungsveranstaltungen z.B. im Bereich des Kochens und der Gesundheit befähigte er die Menschen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und für sich selbst verantwortlich zu werden. Es lag ihm am Herzen, möglichst viele Menschen in das Leben der Pfarre als aktive Mitglieder einzubinden, so in den Bibeltreffen oder im Liturgieteam, eine für die Pfarrangehörigen bis dahin nie gemachte Erfahrung.
In besonderer Weise waren Luis die Kinder und Jugendlichen ans Herz gewachsen, denn in ihnen erkannte er ganz konkret den leidenden Christus, den um seine Würde und Zukunft gebrachten Menschen. Mit vielen unterschiedlichsten Aktionen und Initiativen versuchte er, sie buchstäblich von der Straße zu holen, wo viele in den Sumpf der Kriminalität, Drogensucht und Prostitution absanken. In Zusammenarbeit mit dem Projekt „Agata Smeralda“ aus Florenz erbaute er den Kindergarten „Casa do Sol“, das „Haus der Sonne“, wo 30 Kinder aus den ärmsten Familien betreut wurden, wo sie genug zu essen bekamen, Hygiene und Gemeinschaftsleben und später Lesen und Scheiben lernten. In den letzten Monaten seines Lebens ging Luis verstärkt den Drogensüchtigen nach im oft aussichtslosen Bemühen, wenigstens einzelne von ihnen ihrer Misere zu entreißen. Dadurch kam Luis den kriminellen Machenschaften der in seinem Viertel operierenden Banden in die Quere.
 
Aus deren Reihen dürften die Mörder stammen, die ihn am 16. Mai wenige Tage vor seinem 62. Geburtstag kaltblütig ermordeten.
Der Leichnam des ermordeten Missionars wurde nach Südtirol überführt und am 24. Mai auf dem Friedhof von Aldein beerdigt, im Schatten jener Kirche, in der Luis vor Jahren getauft worden ist, die erste Heilige Kommunion empfangen hat, gefirmt worden ist und seine Primiz gefeiert hat. Ein schmiedeeisernes Kreuz ist über dem Grab aufgerichtet.
Vor diesem Grab verweilte Kardinal Agnelo am Sonntag der Weltkirche lange im stillen Gebet, nachdem er einen Strauß roter Blumen als Zeichen für das Blutzeugnis Lintners niedergelegt hatte. Gemeinsam mit den Angehörigen und vielen Gläubigen betete er den Psalm 27. Luis Lintner selbst hatte diesen Psalm oft und gerne gebetet. An jenem Morgen, an dem er erschossen wurde, lag seine Bibel auf der Seite dieses Psalm aufgeschlagen in seinem Zimmer: ein letzter Hilfeschrei, oder ein letzter Ausdruck festen Vertrauens und tiefer Hingabe an Gott? Wohl beides: „Mein Herz denkt an dein Wort: Sucht mein Angesicht! Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. Verbirg dein Gesicht nicht vor mir!“ (aus Psalm 27).
Das Missionswerk "Fides" von der Kongregation für die Evangelisierung der Völker hat den Namen von Luis Lintner in das "Martyrologium" aufgenommen, in die Liste der Blutzeugen unserer Kirche. Luis gehört zu den "Märtyrern der Nächstenliebe", wie Papst Johannes Paul II. die weltweit 25 im Jahr 2002 ermordeten Missionare genannt hat. 
P. Martin M. Lintner, OSM, Neffe von Luis Lintner 
 

Biographische Ergänzungen:
 
1946-1952 Volksschule in Aldein 
1952-1960 Mittelschule und Gymnasium-Lyzeum im Johanneum
1960-1963 Theologiestudium in Trient
1963-1964 Freisemester in München
1964-1966 Theologiestudium in Brixen
1966-1967 Kooperator in Nals und Tiers
1967-1970 Kooperator in Terlan  
1970-1971 Kooperator in Naturns
1971-1973 Weiterstudium in München
1973-1979 Lichtenburg/Nals
1980-1991 Pfarrer von Tabocas und Brejolandia, Diözese Barreiras
1992-2002 Pfarrer von „Ss.ma Maria Virgem de Nazaré“ und Favelaseelsorge, Erzdiözese Salvador de Bahia