Bischof Dr. Karl Golser Stiftung » Gründungsfeier » Prof. Martin M. Lintner 

Prof. Martin M. Lintner   versione testuale

Zur Bedeutung der Solidarität mit den Kranken

Anlässlich der Gründungsfeier der „Bischof Dr. Karl Golser Stiftung“ möchte ich zunächst Karl Golser selbst zu Wort kommen lassen durch ein etwas umfangreicheres Zitat aus seinem Artikel „Gesundheit und Krankheit in sittlicher Rücksicht“, das – so scheint mir – gut zu diesem Anlass passt.

„Die Hochschätzung der Gesundheit und der Versuch, die Krankheit zu bekämpfen, ist eine Konstante in allen Kulturen. Da jedoch bis in die Neuzeit die Möglichkeiten, bei einem Kranken die Gesundheit wiederherzustellen, sehr beschränkt waren, verlagerte sich die Aufmerksamkeit in dem ganzen Komplex Gesundheit-Krankheit vorwiegend auf den Beistand des Kranken, auf die Krankenpflege. Zwar gab es vereinzelte Heilungen, sei es durch ärztliche Kunst, sei es – mehr oder weniger in allen Kulturen – in einem religiösen Kontext als ‚Wunderheilungen‘, aber was vermochten diese Einzelfälle, wenn sie mit der großen Zahl von Kranken verglichen wurden, besonders in Zeiten von Epidemien und großen Volksseuchen? Das Leben und die Gesundheit wurden als unverdientes Geschenk Gottes verstanden. Krankheit und Tod gehörten aber ebenso zur kreatürlichen Dimension des Menschen. Erst für die Endzeit erwartete man sich die Überwindung von Krankheit und Tod. In diesem Kontext war es vor allem wichtig, den kranken Menschen zu stärken, damit er seine Leiden bestehen konnte, ja seinem Leiden selbst einen Sinn und eine Erklärung zu geben. […] Es ist wichtig zu betonen, dass man die Kranken nicht allein ließ. Sie gehörten einfach zur menschlichen Gemeinschaft. Der Dienst am Kranken war Pflege des Körpers und Trost der Seele in einem, und dazu fühlte sich die ganze Gemeinschaft verpflichtet, besonders jene, die die Mittel dazu hatten die Vornehmeren und allgemein die führenden Schichten der Gesellschaft. […] Allerdings bahnte sich eine Entwicklung an, die zu einer allmählichen Änderung dieser Grundkonzeption des Krankendienstes führte. Auf der einen Seite entstanden immer größere Spitalkomplexe mit entsprechender Spezialisierung des Personals, auf der anderen Seite wurde das öffentliche Leben immer stärker säkularisiert. Schließlich eignete sich, ausgehend von einem Recht des Staatsbürgers auf sanitäre Betreuung, der nicht mehr auf religiöser Grundlage aufgebaute Staat das Sanitätswesen an. […] Parallel mit der Säkularisierung fand in der Medizin das naturwissenschaftliche Denken Einzug, das streng nach Ursache und Wirkung fragte und das durch methodische Beobachtung und entsprechende Experimente seit dem 19. Jahrhundert der Medizin zu ungeahnten Erfolgen verhalf. Es gelang, der großen Volksseuchen Herr zu werden, das Lebensalter der Menschen wurde verdoppelt. Die Krankenhäuser wurden immer mehr nach Art großer Reparaturwerkstätten verstanden, in die man hineinging, um nach erfolgter Therapie wieder als gesund entlassen zu werden. Mit der fortlaufenden Spezialisierung auf einzelne Krankheiten und einzelne Organe wurde der Mensch als ganzer aus dem Blickfeld verloren. Für unheilbar chronische Kranke gibt es so in den modernen Krankenhäusern keinen Platz mehr, denn bei ihnen ist ja ‚nichts mehr zu machen‘.“[1]

In wenigen Sätzen zeichnet Karl Golser die Entwicklung der Medizin seit der Neuzeit auf, die sich etwas holzschnittartig in den folgenden Stichworten auf den Punkt bringen lässt: Der Kranke wird immer weniger in das alltägliche Gemeinschaftsleben einbezogen; die Krankheit wird fast ausschließlich als Defizit wahrgenommen, das es im Sinne eines zumindest tendenziös mechanistischen Menschenbildes zu überwinden bzw. zu reparieren gilt; durch die Säkularisierung fallen Impulse für eine spirituelle und religiöse Bewältigung von Krankheitserfahrungen und damit für den Umgang mit Krankheit und Leiden weg, die besonders in jenen Fällen existentiell wichtig sind, in denen ein Mensch chronisch oder unheilbar krank wird.

Aus heutiger Perspektive müsste dieser kurzen Analyse noch das Problem des finanziellen Druckes hinzugefügt werden, das als medizinfremder Sachzwang mittlerweile das medizinische Versorgungs- und Leistungssystem tiefgreifend beeinflusst: Wie können bei zunehmender Knappheit der Ressourcen im Gesundheitswesen – und zwar sowohl finanzieller wie auch personeller Natur – die medizinischen Leistungen nicht nur weiterhin gewährleistet werden, sondern die je neuen, aber oftmals auch sehr kostspieligen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten angeboten und finanziert werden? Und weiters: Wie werden finanzielle Mittel für die medizinische Grundlagenforschung sowie für Forschungen im Bereich der Anwendung, Therapie und Pflege verteilt? Diese Frage stellt sich besonders im Forschungsbereich von seltenen Krankheiten sowie auch der degenerativen Erkrankungen, zu denen die Parkinsonkrankheit ja auch gehört. Die meisten finanziellen Mittel werden hier beispielsweise im Bereich der Genforschung investiert, obwohl die effektiven Resultate bislang noch nicht halten konnten, was sich die medizinische Forschung erwartet hat.

Es wäre aber zu einseitig, wollte man die Entwicklungen der modernen Medizin ausschließlich unter den bisher genannten Vorzeichen darstellen. Neben den vielen zweifelsohne zu begrüßenden medizinischen Errungenschaften im Bereich von Diagnose, Therapie und Pflege kranker Menschen gibt es seit mindestens einigen Jahrzehnten auch ein wachsendes Bewusstsein darum, dass der kranke Mensch in seiner Würde und in seinem Selbstbestimmungsrecht geachtet werden muss. Der schulmedizinischen Engführung auf die Krankheit bzw. auf das kranke Organ tritt eine ganzheitliche Sicht des Menschen entgegen, in der der Kranke immer auch als Mensch gesehen wird: Einerseits wird die Krankheit in ihrer psycho-somatischen Komplexität wahrgenommen und behandelt – die alternativ-medizinischen Ansätze, die sich neuer Wertschätzung erfreuen, zeugen davon ebenso wie die interdisziplinären Ansätze in der Medizin bis hin zur Einbindung der klinischen Psychologie und Seelsorge in die Betreuung von Kranken–, andererseits werden die menschlichen, existentiellen und spirituellen Bedürfnisse des kranken Menschen gezielt wahrgenommen, was zur Entwicklung von neuen Therapie- und Pflegekonzepten führt, beispielsweise in der Palliativmedizin, in der Hospizbetreuung oder in der relativ jungen wissenschaftlichen Disziplin „Spiritual Care“, die sich im Schnittfeld von Medizin, Theologie und Krankenhausseelsorge bewegt und eine ganzheitliche Fürsorge für bzw. Pflege von chronisch und unheilbar Kranken zum Ziel hat. Ihr Motto lautet nicht: „Es ist nichts mehr zu machen“, sondern: „Wenn einem Kranken nicht mehr geholfen werden kann, ist ihm erst recht zu helfen.“

Als einen weiteren Punkt möchte ich schließlich den nennen, dass heute das Bewusstsein dafür steigt, dass es „den gesunden Menschen“ nicht gibt. In dieser Hinsicht wird die Gesundheitsdefinition der WHO oftmals kritisch hinterfragt, die lautet: „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ Gibt es dieses „vollständige körperliche, geistige und soziale Wohlergehen“? Im Unterschied dazu wird unterstrichen – beispielsweise im Konzept der Salutogenese –, dass der Übergang von Gesundheit und Krankheit ein fließender ist, dass es einerseits den nur gesunden Menschen nicht gibt und dass andererseits der kranke Mensch nie nur auf seine Krankheit reduziert werden darf. Vielmehr geht es darum, dass es im Leben eines jeden Menschen die Erfahrungen und das Erleiden von mangelndem körperlichem, geistigem und sozialem Wohlergehen gibt und es darauf ankommt, welche Bewältigungsstrategien jemand entwickelt, um damit gut umgehen zu können. Besonders in jenen Fällen, in denen eine Beeinträchtigung bzw. Erkrankung chronisch oder unüberwindbar bzw. unheilbar ist, geht es darum, biographische Ressourcen und spirituelle Quellen zu finden für solche Bewältigungsstrategien und die Sensibilität dafür zu stärken, dass die Lebensqualität nicht ausschließlich davon abhängt, dass jemand sich eines vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens erfreut.

Wir dürfen nicht vergessen, dass sich in unserem Umgang mit kranken Menschen etwas von dem widerspiegelt, wie wir mit uns selbst umgehen bzw. mit den Erfahrungen der eigenen Gebrechlichkeit bzw. der eigenen Beeinträchtigungen in mehrerlei Hinsicht, aber dass sich auch umgekehrt die Art und Weise, wie wir mit den eigenen Erfahrungen von Erkrankung umgehen, auf unseren Umgang mit erkrankten Menschen auswirkt, ob wir eher einer Verdrängungsstrategie unterliegen oder aber eine Sensibilität für die besonderen Bedürfnisse entwickeln, die sich aus dieser Dimension ergeben, die als conditio humana zutiefst zu jedem Menschenleben dazugehört. Um es mit Papst Benedikt XVI. zu sagen:

„Das Maß der Humanität bestimmt sich ganz wesentlich im Verhältnis zum Leid und zum Leidenden. Das gilt für den einzelnen wie für die Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die die Leidenden nicht annehmen und nicht im Mit-leiden helfen kann, Leid auch von innen zu teilen und zu tragen, ist eine grausame und inhumane Gesellschaft. Aber die Gesellschaft kann die Leidenden nicht annehmen und sie nicht in ihrem Leiden tragen, wenn die einzelnen dies nicht können, und wiederum der einzelne kann das Leid des anderen nicht annehmen, wenn er nicht selbst im Leiden Sinn, einen Weg der Reinigung und der Reifung, einen Weg der Hoffnung zu finden vermag. Denn Annehmen des anderen, der leidet, bedeutet, dass ich mir sein Leid selbst zueigne, dass es auch mein Leiden wird“ (Spe salvi 38).

Lebensqualität hängt – und darauf weisen mehr und mehr Studien hin – ganz wesentlich davon ab, dass ein Mensch in ein gutes Netz von verlässlichen Beziehungen eingebettet ist, die von Vertrauen, Stabilität und Wohlwollen geprägt sind. Jeder Mensch ist in ein Beziehungsgeflecht eingebunden und hier ist es wichtig, ein adäquates Verständnis von Autonomie und Selbstbestimmung zu entwickeln. Autonomie kann nicht einfach verkürzt als Unabhängigkeit von anderen Menschen verstanden werden, sondern bedeutet vielmehr die psychosoziale Fähigkeit, im Einklang mit sich selbst und unbeeinträchtigt von äußeren oder inneren Zwängen zu agieren. Diese Autonomie entfaltet sich umso mehr, je mehr autonomierelevante Kompetenzen eingeübt werden, die wesentlich auch Beziehungskompetenzen sind. Je mehr Beziehungen davon geprägt sind, dass die eine Seite von der anderen abhängt, sodass sich ein Machtgefälle ausbildet, kommt es darauf an, dass dieses Machtgefälle einerseits nicht missbraucht wird, um in subtiler bis offener Form Druck oder Gewalt auszuüben, und dass andererseits innerhalb dieses Machtgefüges jene Freiräume offengehalten und gepflegt werden, die der mehr und mehr abhängige und unselbständige Mensch noch wahrnehmen kann. Dies ist in der Begleitung und Pflege von kranken Menschen besonders wichtig und hat einen wesentlich Einfluss darauf, ob sie Lebensqualität empfinden oder nicht, ob sie ihre Situation als entwürdigend empfinden oder nicht.

Man spricht in der Ethik heute vielfach von einem relationalen Autonomiekonzept, insofern Autonomie und Selbstbestimmung immer nur von Menschen wahrgenommen werden können, die in Beziehungen leben. Der Umgang mit asymmetrischen Beziehungen bzw. mit Machtgefällen innerhalb von Beziehungen ist eine „Schule der Menschlichkeit“ und der Umgang einer Gesellschaft mit ihren schwächsten Gliedern, zu denen chronisch und unheilbar Kranke gehören, ist ein Gradmesser ihrer Humanität.

An dieser Stelle möchte ich nur kurz darauf hinweisen, dass es seit jeher ein Anliegen der Kirche ist, die kranken Menschen bewusst und ausdrücklich in das kirchliche Leben einzubeziehen. Die Praxis der Krankensalbung, die seit apostolischer Zeit geübt wird, zeugt davon, dass der Kranke gerade nicht aus der Gemeinschaft oder vom Gottesdienst ausgeschlossen wird oder als unrein gilt (wie dies in vielen Naturreligionen und entsprechend den kultischen Vorschriften auch im Alten Testament der Fall war bzw. ist), sondern dass er der besonderen Zuwendung und des Zuspruchs bedarf: „Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich; sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Das gläubige Gebet wird den Kranken retten und der Herr wird ihn aufrichten; wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben“ (Jak 5,14-15). Die vielen Heilungen von Kranken durch Jesus, von denen uns die Evangelien berichten, sind auch davon geprägt, dass Heilung im Tiefsten dadurch geschieht, dass diese Menschen, die in der Regel auf unterschiedlichste Weise Ausgrenzung oder Diskriminierung erfahren, neu in die Gemeinschaft integriert werden und dass ihnen durch neue Beziehung auch neues Leben, Lebenskraft, -hoffnung und -mut vermittelt werden. Deshalb macht der auf den ersten Blick etwas befremdlich klingende Hinweis darauf, dass Jesus Kranken, die von ihm Heilung erhoffen, zunächst die Sünden vergibt, auch zutiefst Sinn: Nicht weil es hier um einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Krankheit und Sünde ginge, sondern um Stiftung von Beziehung und Leben, die durch Krankheit ebenso wie durch die Sünde gemindert werden. Die Heilung von einem körperlichen oder psychischen Gebrechen wird im weiteren Kontext des Heils eines Menschen gesehen, der aus seiner Isolation herausgerissen und in eine vertiefte Beziehung mit Gott und Menschen hineingeführt wird. Darauf weist auch Karl Golser in seinem schon erwähnten Aufsatz hin:

„Eines muss aber noch betont werden, nämlich die Gemeinschaftsdimension. Die Krankheit und das Leiden isolieren ja den Menschen: Er wird aus seiner gewohnten Tätigkeit herausgerissen, sehr oft ist auch die Kommunikation erschwert. Jesus hat nun bei seinem Heilen fast immer den Menschen wieder in die Gemeinschaft hereingeholt. Augenscheinlich ist dies bei den Heilungen der Aussätzigen, die ja aus der Gemeinschaft ausgestoßen waren, aber auch bei den Heilungen der Taubstummen, der Blinden, der Besessenen, bei denen ja die Kommunikation behindert war. Jesus heilte nicht im Privaten, sondern in aller Öffentlichkeit. Er lässt sich von allen anfassen. Oft heißt es in Sammelberichten ganz einfach: Er heilte alle Kranken, die zu ihm gebracht wurden. Dies ist ein Appell an die christliche Gemeinschaft. Sie darf nicht die Pflege der Kranken einigen Spezialisten überlassen, so notwendig diese auch sind. Die Präsenz von Kranken geht alle an. Alle sind zu Anteilnahme an ihren Leiden, zum Gebet für sie verpflichtet. Die Kranken sollen so aus ihrer Isolation, die heute größer ist als früher, befreit werden. Auch dies ist oft ein Beitrag zur Heilung. Genauso ist auch die Krankensalbung, die zur Heilung von Leib und Seele gespendet wird, ein Tun der ganzen Kirche. Auch hier ist der Gemeinschaftsbezug noch stärker in der Pastoral herauszuarbeiten.“[2]

Die Gemeinschaftsdimension kommt auch in der Solidarität der Gesellschaft und der Kirche mit den Kranken zum Ausdruck. Johannes Paul II. betont, dass

„Solidarität nicht ein Gefühl vagen Mitleids oder oberflächlicher Rührung wegen der Leiden so vieler Menschen nah oder fern ist. Im Gegenteil, sie ist die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das ‚Gemeinwohl‘ einzusetzen, das heißt, für das Wohl aller und eines jeden, weil wir alle für alle verantwortlich sind“ (Sollicitudo rei socialis 38).

Solidarität ist also jene Grundhaltung, die darum weiß, dass Menschen immer voneinander abhängig sind und dass diese Abhängigkeit füreinander verantwortlich macht. Das betrifft zum Einen die ganz persönliche Begegnung mit dem Anderen, in der ich bereit bin, mein Handeln und Entscheiden vom Standpunkt des Benachteiligten her zu bedenken und kritisch zu reflektieren, es betrifft zum Anderen aber auch die Gesellschaft, da es das Gemeinwohl betrifft bzw. das Wohl aller, die zu einer Gemeinschaft gehören. Ist es uns als Gesellschaft ein Anliegen, dass besonders auch für jene Menschen Sorge getragen wird, die oft dem Blickfeld der öffentlichen Aufmerksamkeit entgleiten? Es kann sogar gefordert sein, dass das Schicksal von manchen Menschen nicht im Scheinwerferlicht der Medien präsentiert wird, um ihre Würde zu schützen, aber es darf nicht geschehen, dass diese Menschen abgeschoben und vergessen werden.

Die „Bischof Dr. Karl Golser Stiftung“ setzt sich auch zum Ziel, einer ganz bestimmten Personengruppe diese Aufmerksamkeit zu schenken, indem auf die seltene Erkrankung des atypischen Parkinson-Syndroms hingewiesen wird, an der in Südtirol neben Karl Golser ca. 100 Menschen leiden, von denen jedoch kaum jemand spricht und für die es bislang keine effektive Therapie gibt. Gezielt erforscht werden sollen aber auch effektivere Diagnosemöglichkeiten, um die Krankheit so früh wie möglich erkennen und mit den vorhandenen Therapien behandeln zu können. Ein wichtiges und keinesfalls zu unterschätzendes Ziel besteht zudem in der Begleitung, Information und Hilfestellung für die betroffenen Familien bzw. für die Angehörigen, die einen Patienten mit atypischem Parkinsonsyndrom pflegen. Solidarität mit den Kranken erstreckt sich auch auf die Verantwortung, die wir als Gesellschaft den Angehörigen und Familien von kranken Menschen gegenüber haben. Nicht nur das Gesundheitswesen ist ein Solidarsystem, das andernfalls nicht finanziert werden könnte, sondern die Gesellschaft als ganze wird zusammengehalten von einer solidarischen Vernetzung, auf die besonders die schwächsten Mitglieder angewiesen sind, zu denen die schwer Kranken und ihre Angehörigen gehören.

Nach dieser Betonung der sozialethischen Dimension der Solidarität mit den Kranken möchte ich nochmals zurückkommen auf die Ebene des persönlichen Umgangs mit kranken Menschen und mit einem Zitat von Karl Golser abschließen, indem er auf die sittlichen Pflichten in Bezug auf Gesundheit und Krankheit von anderen Menschen zu sprechen kommt und dabei auch auf die Verantwortung der ganzen Gemeinschaft für die Kranken unterstreicht:

„Die sittliche Pflicht der Heilung und Pflege der Kranken sollte man nicht nur an die dafür spezialisierten Berufsgruppen delegieren. […] Die ganze Gemeinschaft muss sich für die Kranken verantwortlich fühlen, gerade auch weil Krankheit ein Problem der Isolation und der erschwerten Kommunikation ist. Aus dieser Sicht wäre die Praxis der Krankenbesuche zu überdenken, ebenso ein Wort zum Problem der Wahrheit am Krankenbett zu sagen. […] Die Kranken wissen oft indirekt sehr gut Bescheid über die eigene Lage, während die Angehörigen sich um die Wahrheit drücken und dadurch auch beweisen, dass sie selbst kein abgeklärtes Verhältnis zu Krankheit und Tod haben, dass sie diese unangenehmen Seiten des Lebens am liebsten verdrängen. Der Kranke brauchte hingegen besondere Wärme und Hilfe, damit er auch menschlich die Situation der Krankheit bestehen kann, damit er sich mit dem eigenen Leiden und eventuell dem eigenen bevorstehenden Tod auseinandersetzen und diesem einen Sinn abgewinnen kann. Es kann jemand körperlich unheilbar krank, aber gerade seelisch gesund und so mehr als die Gesunden auch für die übrigen Kranken eine Hilfe sein.“[3]

[1] Karl Golser, Gesundheit und Krankheit in sittlicher Rücksicht, in: Moraltheologe und Bischof. Eine Auswahl aus seinen Werken (= Brixner Theologisches Jahrbuch, Bd. 3), Brixen/Innsbruck 2013, 257–259.

[2] Golser, Gesundheit und Krankheit in sittlicher Rücksicht, 263.

[3] Golser, Gesundheit und Krankheit in sittlicher Rücksicht, 267.