Zum Hauptinhalt springen

Texte und Berichte

Worum geht es in der Seniorenpastoral?

Interview mit Seniorenseelsorger Josef Torggler | Erschienen im Katholischen Sonntagsblatt, Nummer 52, 23.12.2018

 

Die Sinnsuche ist eine zentrale Frage für ältere Menschen. Welche Kraft kann Ihrer Einschätzung nach aus dem Glauben besonders für ältere Menschen erwachsen?

Josef Torggler: In jedem Lebensalter spielt die Sinnfrage eine Rolle, besonders auch im Alter. Ältere Menschen schauen gerne zurück: Was ist mir im Leben alles gut gelungen und was habe ich nicht so gut gemacht oder versäumt. Im Alter merkt man, dass man nicht mehr viel ändern kann. Es ist wichtig aus dem Glauben an Gott davon ausgehen zu können, dass er auf seine Weise alles, was wir tun, in seine für uns nicht durchschaubaren Pläne einzubauen vermag.

 

Welche sind die Potentiale, aber auch die Herausforderungen dieser Lebensphase?

Josef Torggler: Herausforderungen sind natürlich die Auseinandersetzung mit der zunehmenden körperlichen und geistigen Schwäche und mit dem zunehmende Verlust von Beziehungen und das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. Senioren sagen gerne: „Es lässt alles nach.“ Senioren haben aber den Vorteil, dass sie nicht mehr dem großen Stress des Berufslebens ausgesetzt sind. Sie können sich Zeit nehmen. Senioren haben viel Lebenserfahrung und können Dinge oft ausgeglichener und sachlicher sehen. Ich glaube, dass wir heute oft zu wenig auf ihre Sichtweise achten.

 

Welche sind die Säulen der Seniorenpastoral? (Seelsorge, Bildung, Hilfe, Politik).

Josef Torggler: Zunächst geht es darum, überhaupt die Senioren in den Blick zu nehmen und sie als wichtige Glieder unserer Gesellschaft und der Kirche nicht zu übersehen. Sie sind wichtige Menschen mit vielen Qualitäten und Bedürfnissen. Seniorenpastoral nimmt besonders die sozialen, geistigen und spirituellen Bedürfnisse der Senioren in den Blick. Es geht um religiöse Feiern, um Vorträge, Einzelgespräche und Förderung von Kontakten und Gemeinschaft.

 

In welchem Bereich sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Josef Torggler: Man darf sicher sagen, dass in unserem Land für Senioren sehr viel getan wird. In jedem Dorf gibt es kirchliche oder der außerkirchliche Seniorenklubs mit interessanten Programmen. Es gibt verschiedene berufspezifische Vereine, die für ihre Mitglieder ein Seniorenprogramm anbieten. Außerdem haben wir in Südtirol viele sehr gut geführte Senioren- und Pflegeheime, wo in verschiedener Hinsicht für Senioren sehr achtsam gesorgt wird. Dafür muss man sehr dankbar sein. Auch der Hauspflegedienst kümmert sich vorbildlich um Senioren. In vielen Familien sind auch heute Senioren oft gut betreut und integriert. Es gibt Angehörige, die guten Kontakt halten mit ihren Angehörigen in den Heimen. Zum Herstellen der Kontakte zu den Senioren/innen müsste oft mehr ermutigt werden.

 

Welche konkreten Angebote bietet die Seniorenpastoral?

Josef Torggler: Zunächst bemühen sich in allen Pfarreien die Seelsorger immer auch um Betreuung der Senioren sowohl in den privaten Wohnungen wie auch in den Heimen. Es gibt eigene Seniorengottesdienste. Sakramente werden gerade auch den Senioren angeboten. Auf Pfarrebene werden Kontakte von privaten Personen zu Senioren in der Pfarrgemeinde hergestellt. Dies alles zu begleiten und zu fördern ist Anliegen auch auf diözesaner Ebene.

 

Worin sehen Sie den Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit?

Josef Torggler: Auf der Ebene der Diözese wird es zunächst eher nicht um zusätzliche größere Aktionen gehen, sondern um die Bereitschaft, dort einzuspringen, wo es notwendig und gewünscht ist. Dies betrifft Gottesdienstfeiern, Vorträge zu religiösen und psychologischen Themen und persönliche Gespräche. Über eine eigene Homepage soll der Kontakt zu der zunehmenden Zahl jener Senioren hergestellt werden, die auch digital unterwegs sind.

 

Für wen sind Sie Ansprechpartner?

Josef Torggler: Zunächst für die einzelnen Senioren und Seniorinnen selbst, die es wünschen. Dann aber auch für die Ortsseelsorger, für Leiter/innen von Seniorenclubs auf Ortsebene, für die Leiter/innen von Seniorenheimen, für Leiter/innen von spezifischen Seniorenvereinigungen. Es gibt dafür den Flyer mit der entsprechenden Kontaktadresse.

 

Ziel ist es, ältere Menschen zu begleiten. Diese leben aber in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen mit unterschiedlichen Problemen. Ist es nicht schwierig, diesen unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden?

Josef Torggler: Allerdings. Jeder Mensch ist einmalig und etwas Besonderes. Jeder hat seine ganz eigene Lebensgeschichte, seine ganz persönlichen Ängste, Sorgen, Fragen und Erwartungen. Und doch gibt es viel Gemeinsames in uns Menschen. Die eigentlichen Probleme der Menschen sind von alters her immer dieselben geblieben. Auch für die Senioren. Dem einen und anderen kann man hilfreich nahe stehen.

 

Welche Initiativen sind konkret in Planung?

Josef Torggler: Es wird nicht um große Initiativen gehen, die in Konkurrenz mit den vielen anderen Angeboten für Senioren stehen. Wichtig ist zunächst, dort für spirituelle und seelsorgliche Anliegen zur Verfügung zu stehen, wo es gewünscht wird.

Konkret steht die Mitarbeit bei Fortbildungen für Betreuer/innen von Seniorengruppen auf Bezirksebenen des KVW an, allgemein die Mitgestaltung von Gottesdiensten für Senioren mit Demenz, die Vorbereitung der Seniorenhomepage und die Durchführung von geplanten Vorträge für Senioren.

Erschienen im "Katholischen Sonntagsblatt", Nummer 52/2018 (23.-30. 12. 2018)

Texte und Berichte von Seniorenseelsorger Josef Torggler

Bei der Pastoraltagung im September ging es um die Aufgabe der kirchlichen Medien bei der Stärkung der Gemeinschaft und des christlichen Glaubens. Dazu hat Pater Robert Prenner ein Gespräch mit Josef Torggler geführt, das im Katholischen Sonntagsblatt vom 26. Jänner 2020 abgedruckt worden ist.

Der Diözesanpriester Josef Torggler war im Laufe seiner 52 Berufsjahre in verschiedenen Bereichen tätig. Er unterrichtete über 30 Jahre lang Religion an der Oberschule und war Hochschulseelsorger. Zudem arbeitete er als Psychotherapeut in der Familienberatung, war Mitarbeiter am kirchlichen Ehegericht und wirkte als Seelsorger für die Katholische Jugend und die Jungschar. 

Seit September 2018 ist Torggler Seniorenseelsorger. Als solcher besucht er regelmäßig Seniorengruppen im Lande, hält Vorträge und hat Zeit für persönliche Gespräche: „Es ist sehr wichtig, auf ältere Menschen zu achten und ihnen Wertschätzung zu schenken. Ihre Lebenserfahrung und Sichtweise ist wertvoll für die Gesellschaft und die Kirche“, betont Torggler.

Gegen Schönfärberei

Seit 40 Jahren schreibt Torggler für die Tageszeitung „Dolomiten“ monatlich einen Beitrag unter der Rubrik „In die Zeit gesprochen“. So ist es nicht zu wundern, dass Josef Torggler Wesentliches zum Thema Kommunikation zu sagen hat. Er bezeichnet sich als „Dienstleister“ und sieht die größte, aber auch schwierigste Aufgabe eines Journalisten darin, „den Menschen zu helfen, sich in dieser immer komplizierteren Welt zurecht-zufinden“. Dieser Priester ist gegen jede Schönfärberei, aber auch gegen einen Journalismus der Panikmache und Schwarzmalerei. Was Menschen im Medienangebot immer mehr vermissten, seien Botschaften, „die Raum lassen für Zuversicht und Eigenverantwortung“. Der Populismus spalte die Gemeinschaft; er lebe von Feindbildern und suche ständig nach Schuldigen, anstatt konkrete Lösungsvorschläge zu machen. 

Auf das Wesentliche konzentrieren

„Die Kirche muss wieder bescheidener werden und sich auf das Wesentliche konzentrieren und so den menschlichen Bedürfnissen nachkommen“, ist der Seelsorger überzeugt. Die Worte seiner Mutter, die sie zu ihm nach der Priesterweihe sagte, haben sein Leben und Wirken geprägt. Sie sagte: „Bitte, mach es den Leuten nicht zu schwer.“ 

Die Kirche habe es oft besonders den Frauen schwergemacht und zu leicht von schweren Sünden geredet. Die Verkündigung der christlichen Frohbotschaft müsse immer von den konkreten Erfahrungen der Menschen ausgehen. „Nur ein Priester, der selbst gelitten hat, kann die Herzen der Menschen erreichen. Das setzt persönliche Betroffenheit voraus, sonst bleibt es bei leeren Floskeln“, so der Priester. 

Noch nie so christlich

Vieles an äußeren Strukturen breche heute in der Kirche zusammen. Jede Krise rufe aber nach Veränderungen und mache zugleich stärker. Auch die Kirchengeschichte sei Heilsgeschichte. Zu Menschen, die meinen, diese Kirche von heute sei nicht mehr christlich, pflegt Torggler zu sagen: „Noch nie in den vergangenen Jahrhunderten war die Kirche so christlich wie heute.“ Diese etwas provozierende Aussage belegt er durch Beispiele: Jahrhundertelang habe man das Christentum recht unchristlich vermittelt, mit viel Zwang und Angst vor der Hölle. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil seien die Juden diskriminiert und Menschen anderer Religionen als gottlos verurteilt worden. Dies entspreche nicht dem Denken Jesu. Die Kirche habe lange gebraucht, um die Freiheit der Gewissensentscheidung und die Menschenrechte anzuerkennen. Und die zwei Weltkriege seien von Christen geführt worden. 

Torggler träumt aber nicht von einer heilen Welt, eine ganz heile Welt werde es nie geben. Es sei auch nicht Aufgabe der Kirche, die Menschen zu indoktrinieren oder zu missionieren. Die Zeit der Bevormundung sei vorbei: „Wir dürfen aber davon ausgehen, dass jeder Mensch liebes- und heilsbedürftig ist. Dieses Bedürfnis zu sehen und zu stärken, ist Aufgabe der Kirche“, betont Torggler.

Erschienen im "Katholischen Sonntagsblatt", Nummer 05/2020 (26.01.2020)

            Es tut gut, sich immer neu auf wesentliche Inhalte der Bibel zu besinnen. Die umfangreichen Texte der Bibel zeigen sehr verschiedene Ausdrucksformen, sind in ganz unterschiedlichen Zeiten und Situationen entstanden und stammen von ganz verschiedenen Autoren. In allen ihren Teilen will die Bibel als Lebensbuch und Weltanschauungsbuch verstanden werden. 

            Die Aussagen der Bibel sind in menschlicher Sprache verfasst, die wie das Lebens selbst, immer mehrdeutig und vielschichtig sind. Biblische Texte müssen deshalb immer neu befragt und auf das aktuelle Leben hin interpretiert und gedeutet werden. Sie sind  immer neu auf ihren bleibenden Sinn hin zu befragen. Man kann versuchen, die wichtigsten Kernaussagen zu benennen.

            Zunächst setzt die Bibel in all ihren Teilen immer die Existenz Gottes voraus. Eine weltanschauliche Wahrheit, die für viele auch heute immer neu eine Herausforderung bedeutet. Im Sinne der Bibel kann es keinen Ort und keine Zeit geben, in der Gott als der Grund und Schöpfer von allem, nicht da wäre. Dieser göttliche Grund aber bleibt ein unergründliches Geheimnis, das alle unsere menschlichen Begriffe und Vorstellungen übersteigt. Nur in Vergleichen und Bildern kann von ihm gesprochen werden.

            Es gehört zur Kernaussage der Bibel, dass Gott alle seine Geschöpfe, vor allem die Menschen selbst, unbedingt bejaht und ihr Gelingen bzw. ihr „Heil“ beabsichtigt und will.

Dieses Gelingen menschlichen Lebens ist immer wieder in Gefahr. Die Großartigkeit des Menschen, die mit der Vernunft und der Freiheit gegeben ist, wird für ihn immer wieder zum Problem. Der Missbrauch der Freiheit und unbedachtes Handeln führen den Menschen in einen verhängnisvollen und tragischen Widerspruch mit sich selbst, mit anderen und mit dem Leben selbst.

             Jeder weiß, dass das Leben in der Welt neben allem Schönen und Guten auch mit vielen Krisen und oft mit viel Leid verbunden ist. Das weiß auch die Bibel. Sie spricht vom Kreuz, das Menschen oft erleiden. So besonders auch Jesus. Krisen und Leid aber sind eingebettet in den großen, übergeordneten Prozess des Ganzen. Sie sind Teil des großen Entwicklungs-, Verwandlungs- und Reifungsprozesses. Krisen und sogar Schuld können Reifung und Übergang zu neuem, größerem Gelingen bedeuten. Die große Krise des Todes ist nach biblischem Denken Übergang in eine ganz andere endgültige Befreiung und Vollendung.

                        Die Bibel gibt Orientierung und zeigt in vielfacher Weise Haltungen auf, die zum Gelingen führen. Nicht Selbstherrlichkeit und Selbstüberheblichkeit, sondern gläubiges Vertrauen in den Sinn des Ganzen und liebende Achtung und Ehrfurcht vor den Mitmenschen und vor allen Geschöpfen ist der biblische Weg zum gottgewollten Gelingen.

Jeder kennt in seinem Leben das Warten. Täglich werden wir mehrmals damit konfrontiert. Die Spannung des Wartens auszuhalten, kann oft unangenehm sein: Bis endlich der Bus kommt, bis die Post oder die Zeitung kommt, bis das Essen fertig ist, bis Eltern oder Kinder nach Hause kommen, bis man an einem Schalter dran kommt, bis eine Krankheit wieder geheilt ist, bis die Zeiten besser werden......Die Aufzählung unserer Wartesituationen kann man unendlich fortsetzen. Irgendwie ist das ganze Leben ein Warten auf etwas.

Es gibt ein Theaterstück, das heißt: "Warten auf Godot", von Samuel Beckett. Darin wird während des ganzen Theaters nur das Warten dargestellt. Die Schauspieler warten auf jemanden, den sie nicht kennen, der aber kommen soll. Sie können sich von diesem Warten nicht befreien und sind unendlich gelangweilt und enttäuscht, weil der Erwartete bis zum Schluss nicht kommt. In ihrem endlosen Warten erleben sie weder Freude und noch Sinn.

Tatsächlich wäre das Leben schrecklich, wenn wir nur Hoffnungen und Erwartungen hätten und das Erwartete nie eintreten würde. Gott sei Dank erleben wir das nicht so. Aber wir müssen unterscheiden. Vieles, ja sehr vieles im Leben erfüllt sich und schenkt Genugtuung. Aber wir machen auch die andere Erfahrung: Vieles bleibt offen und unerfüllt. Oft kann uns das sehr zu schaffen machen. Dabei müssen wir manchmal große innere  Spannungen aushalten und damit leben.

Diese unangenehmen Spannungen sind umso größer, desto mehr wir uns an irgendeiner vorläufigen Erwartung unbedingt festklammern. Manchmal meinen wir, vom Haben oder Nicht-Haben, vom Erreichen oder Nicht-Erreichen von diesem oder jenem hängt der ganze Sinn unseres Lebens ab. Hier müssen wir innehalten und nachdenken. Hier unterliegen wir oft einer großen Täuschung, die uns unglücklich macht.

In der Adventszeit warten wir äußerlich auf Weihnachten, das Fest der Geburt und Ankunft Jesu. Dieses Warten hat – recht bedacht - eine ganz eigene, besondere Qualität. Das, was wir da erwarten, ist schon gegeben und anwesend.  Es geht darum, es immer mehr in uns bewusst werden zu lassen.

Weihnachten drückt die jederzeit gegebene, unbedingte liebende Zuwendung Gottes zu jedem von uns in Jesus Christus aus. Advent ist die erwartungsvolle, bewusste Einübung in diese Wahrheit von Weihnachten: Du brauchst Dir deinen Wert und Sinn nicht selbst mühevoll zu erarbeiten, sondern es ist Dir, wie jedem Kind, immer schon geschenkt und mitgegeben.

Aus diesem befreienden Wissen können wir ehrlich, einfach und gerecht, ohne Stress leben und unseren täglichen Aufgaben nachgehen. Inmitten aller äußeren Unruhe und Unerfülltheit des Lebens, kann sich gelassene Ruhe und zuversichtliche Freude ausbreiten. Adventliches Warten kann in uns von Weihnachten her heilend wirksam werden.

Es gibt zwei unterschiedliche Fragestellungen, die man der Geschichte gegenüber einnehmen kann. Das eine ist die Frage, was im Laufe der Geschichte alles geschehen ist, die Frage nach den Fakten und Ereignissen. Die ganz andere Frage an die Geschichte lautet: Welchen Sinn hat die Geschichte eigentlich? Diese Frage zu stellen ist sinnvoll, auch wenn sie schwer zu beantworten ist. Nachdenkliche Menschen stellen sich diese Frage.

Tatsche ist, dass in der Geschichte zu jeder Zeit bis auf den heutigen Tag Menschen viel gelitten haben. Das wissen die Historiker und das wissen die Philosophen und Theologen wie auch jeder einfache Mensch. Von Leiden und Katastrophen spricht auch Jesus im Evangelium. Er redet nicht nur davon, sondern er hat vieles auch selbst hautnah erlebt.

Jesus unterscheidet im Evangelium nicht zwischen dem Leiden, das uns von der Natur her begegnet in Form von  Naturkatastrophen und Krankheiten und jenem anedren Leiden, das durch Engstirnigkeiten und Bosheiten der Menschen bewirkt wird. Zu diesen letzten gehören Verleumdungen, Verfolgungen, Ungerechtigkeiten, Hass, Kriege, Morde usw. In der Geschichte gibt es unendlich viele Übel, die mit den Mächten der Natur zu tun haben und viel Leidvolles, das durch Unmenschlichkeit und Missbrauch der Freiheit von Menschen zu tun hat.

Beide Formen von Leiden sind große Herausforderungen, die es immer schon gegeben hat und bis heute gibt. Man kann sich fragen: Wird das je einmal anders werden? Man ist geneigt, dies zu verneinen. Auch Jesus spricht nicht von einer „heilen Welt“, die es auf Erden einmal geben wird. Die Natur bleibt mit ihren Katastrophen übermächtig, auch wenn wir uns in mancher Hinsicht schützen können. Und ob die egoistischen Bosheiten der Menschen je ein Ende haben werden, ist mehr als fraglich. Was ist dann der Sinn von allem, der Sinn der Geschichte? Die letzte Antwort wird offen bleiben müssen. Jesus verweist im Evangelium auf das Individuum, auf jeden einzelnen. Ihm geht es um einen  inneren Reifungsprozess, den der Mensch inmitten aller Erfahrungen und Schwierigkeiten in Raum und Zeit machen soll. Er sagt: „Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.“

Jesu Wort und Beispiel entsprechend sind wir eingeladen, zum einen selbst je und je Sinnvolles und Gutes in der Geschichte aktiv zu tun  und zum anderen  nicht vermeidbares  Leiden, woher immer es auch kommen mag, zuversichtlich anzunehmen. Im Leben jedes einzelnen geschieht wichtige Sinnerfüllung der Geschichte.

 Wir mögen uns in ein großes und weites Bewusstsein einüben, indem wir mit den unvermeidlichen Gegensätzen der Welt leben und darüber stehen. Das ist möglich, wenn man sich, wie Jesus selbst und viele andere, mit dem Absoluten, mit Gott verbunden weiß, in dem alle Gegensätze in einer übergeordneten Einheit aufgehoben sind. In ihm ist schon jetzt und jenseits von Raum und Zeit Sinnerfüllung und Vollendung gegeben.

Unsere privaten Wohnungen und Häuser sind uns sehr wichtig. Da sind wir zu Hause. In unseren Wohnungen können wir sein wie wir sind, ohne bestimmte berufliche oder gesellschaftliche Rollen spielen zu müssen. Es sind Orte, die uns schützen vor den Unbilden der Natur, wo wir uns von der Öffentlichkeit zurückziehen und erholen können.

Eltern, Kinder und Jugendliche leben in den Wohnungen als Familie zusammen und erleben sich gegenseitig.  Spontane Gefühle dürfen zum Ausdruck kommen. Da darf man auch einmal traurig sein oder auch ungehalten und sogar einmal zornig sein, ohne größere Nachteile zu haben.  Offen kann über alles Mögliche geredet werden. Zu Hause wird gegessen und geschlafen. Dort kann man spielen und den persönlichen Lieblingsbeschäftigungen nachgehen. Ein Haus oder eine Wohnung ist wie ein schützender Bunker der Menschlichkeit.

In jedem Dorf und in jeder Stadt gibt es aber auch jene anderen Häuser, die nicht privat sind, sondern allen gemeinsam gehören. Gemeint sind die Kirchen und Gotteshäuser der Pfarrgemeinden. Diese stehen tagsüber stets offen für alle. Jeder kann jederzeit hineingehen. Ihre besondere Bedeutung kommt  bei den Gottesdiensten zum Ausdruck.

Kirchen haben eine ähnliche Wichtigkeit wie die Privathäuser. Auch in den Kirchen geht es nicht um Leistung, nicht um besondere Rollen, nicht um beruflichen Stress. Kirchen sind Orte, in denen Menschen einfach da sein dürfen wie sie sind. Es zählt nicht ob jung oder alt, ob reich oder arm, ob angesehen oder weniger. Es geht im Kirchenraum nur um den Menschen und die Solidarität aller vor dem großen Geheimnis Gottes. Man kann es das Haus der Menschlichkeit und der Menschenwürde nennen.

Die Kirchenräume möchten uns in unseren eigenen persönlichen Innenraum führen. Es sind Orte, die zum Nachdenken einladen, zum Nachfühlen, zum Einordnen alles dessen, was man im Alltag an Schönem, aber auch an Belastendem erlebt. Der besinnliche und betende Aufenthalt in der Kirche kann uns helfen, das zu relativieren, was wir oft fälschlicherweise im Leben zu wichtig nehmen und uns deshalb belastet.

In der Feier der Gottesdienste wird in den Kirchen das große Geheimnis bewusst, das in jedem Menschen und im Leben überhaupt gegeben ist. Die unbedingte Bejahung eines jeden kommt im Wort Gottes zum Ausdruck und die heilende Gegenwart der Liebe Gottes wird gefeiert.

Kirchen sind auch außen weithin sichtbare Zeugen für denjenigen, der nicht nur der Schöpfer, Erhalter und Sinnstifter von allem ist, sondern der besonders auch jedem einzelnen Menschen unendlichen Wert und Sinn verleiht und die Solidarität aller aufzeigt. Seine befreiende und wohlwollende Zuwendung wird in unseren Kirchen besonders in den Sakramenten gefeiert.

Der Kirchweih-Sonntag möge Anlass dafür sein, Sinn und Wert der Kirchen in ihrer bleibenden Bedeutung  für unser Leben zu bedenken und zu schätzen.

Es ist eine alte Erfahrung, die jeder irgendwann macht. Etwas zu verlieren, das einemwertvoll und wichtig war, ist sehr unangenehm und schmerzlich. Wenn man das Glück hat, es wieder zu finden oder wieder zu bekommen, dann ist man glücklich und schätzt das Verlorene oder abhanden Gekommene doppelt.

Solche Erfahrungen sind wichtig. Einerseits werden wir dadurch vorsichtiger und umsichtiger. Zum anderen aber können wir, wenn es vielleicht endgültig verloren ist dadurch früher oder später draufkommen, dass man auch ohne das Verlorene leben kann. Es war doch nicht das Allerwichtigste. Alle Verluste im Leben relativieren zu können ist wichtig und macht frei.

Ähnlich ist es mit der Erfahrung vom Schuldigwerden. Niemand kann leben, ohne irgendwann da oder dort schuldig zu werden. Wir haben nicht immer den ganzen Durchblick über die Konsequenzen unserer Handlungen. Auch haben wir nicht immer nur die besten Absichten.

Bewusst oder unbewusst ist jeder so oder anders auch ein Egoist. Sich selbst zu schätzen ist wichtig und notwendig. Dabei gehen wir aber oft zu weit, verletzen einander und können schuldig werden. Wenn jemand meint, er oder sie sei immer und überall unschuldig, dann täuscht er oder sie sich. Auch der Gesellschaft, den Tieren und der Natur gegenüber kann man schuldig werden.

Was Eigensinn, Egozentrik und Schuld betrifft, so weiß man von Alters her und es weiß auch die moderne Psychologie, dass jemand nur „ganz“ werden, innerlich ausgewogen und zufrieden werden kann, soweit er versucht, ehrlich zu seinen Schwächen und auch zur eigenen Schuld zu stehen. Dabei können wir uns allerdings selbst nie voll durchschauen. Vieles in uns bleibt Geheimnis.

Schon immer wusste man, dass Verdrängen und Verheimlichen von Schuld vor sich selbst und vor anderen ein Problem darstellt. Es lässt nicht ruhig und gelassen werden. Es erzeugt einen oft unbewussten inneren Stresszustand, der sich auch in äußerer Unruhe zeigen kann.

Reifungsprozesse von Menschen

Das Eigenartige ist, dass wir zwar einerseits Schuld vermeiden sollen und wollen, dass es aber nicht möglich ist, ohne da und dort mehr oder weniger schuldig zu werden. Was ist dann der Sinn der Schuld? Warum ist das so?

Genauso wie schmerzliche Verluste bewusster und achtsamer machen können, so kann Schuld und das ehrliche Eingestehen von Schuld wesentlich zum Reifungsprozess einer Person beitragen und Beziehungen verbessern. Wer zu seinen Schwächen, Fehlern und auch zur Schuld stehen kann, wird ausgewogener, stimmiger, ehrlicher, gelassener und glücklicher.

Das verlorene Schaf, die verlorene Drachme und besonders auch der verlorene Sohn im Evangelium sind Beispiele für Reifungsprozesse von Menschen. Jesus erweist sich mit seinen Beispielen als guter Kenner der menschlichen Lebensprozesse. Gott selbst hat alles in den großen Reifungs- und Entwicklungsprozess der Menschen eingestiftet.

Wir wissen, dass wir alle aufeinander angewiesen sind. Warum gibt es dann doch immer wieder auch Streit und Auseinandersetzungen? Eigentlich möchte jeder Frieden und Ruhe haben. Streit bringt viel Leiden in das Zusammenleben.

Damit eine Gemeinschaft lebendig bleibt, muss jeder seine Individualität, seine Ideen, seine Bedürfnisse und Vorstellungen einbringen. Jeder muss seine Individualität erhalten und zum Ausdruck bringen. Da stoßen dann gegensätzliche Meinungen und Interessen aufeinander. In Familien, Verwandtschaften, Vereinen und politischen Parteien, in Wirtschaft und Politik und sogar in kirchlichen Gemeinschaften. Faire Auseinandersetzungen sind notwendig, arten oft aber im destruktiven Streit aus.

Auch Tiere gleicher Art tragen untereinander Aggressionen aus. Diese Auseinandersetzungen haben immer einen wichtigen Sinn: Brutpflege, Futtersicherung, Arterhaltung. Genauso haben auch die Streitigkeiten zwischen Menschen stets einen sinnvollen Grund, den es zu erkennen und zu benennen gilt.

Aufgrund ihres Instinktes lassen Tiere gleicher Art von der Aggression sofort ab, sobald der Grund der Aggression geklärt ist. Tiere halten sich auch nach heftigen Auseinandersetzungen von der Tötung der Artgenossen instinktiv zurück. Sie töten normalerweise nie Tiere der gleichen Gattung.

Aggressionen und Auseinandersetzungen zwischen Menschen aber können über den sinnvollen Kontext hinausgehen und sehr destruktiv werden, bis hin zu dauernden Unversöhntheiten und Feindschaften. Sie können sogar zu Morden führen. So gesehen haben die Tiere durch ihren Instinkt uns gegenüber einen Vorteil.

Menschen müssen den teilweisen Verlust der Instinktgesichertheit mit ihrer Vernunft ausgleichen. Es braucht vernünftige Erziehung und Moral, gerechte Gesetze, Gerichte und Polizei wie besonders auch Kultur und Religion. Um destruktiven Streit zu vermindern, gibt es Schulungen, psychologische Beratungen und Mediation. Vom Kindergarten an sollte konstruktives Streiten gelernt werden.

Innere Bereitschaft und Arbeit an sich selbst

Es erstaunt, dass Jesus im Evangelium sagt: „Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, nicht Frieden, sondern Spaltung.“ Er meint zunächst, dass um der Wahrheit und um des Gemeinwohles willen auch gestritten werden darf und muss. Er zählt dann beispielhaft alltägliche Streitsituationen auf, wie sie mit dem konkurrierenden Verhalten im alltäglichen Lebensprozess gegeben sind.

So gesehen hat nicht erst Jesus Spaltung und Streit gebracht. Vielmehr weist er darauf hin, wie es von Anfang an unter den Menschen zugeht. Er selbst stand im tragischem Konflikt mit einer Gruppe uneinsichtiger und populistisch agierender Pharisäer. Dies führte sogar zu seiner ungerechten Tötung.

Es bleibt wichtige und nicht einfache Aufgabe, destruktive Streitsituationen zu vermeiden und konstruktive Formen des Streitens zu finden. Dies setzt viel innere Bereitschaft und Arbeit an sich selbst voraus.

Worte sind sehr wirkmächtig. Man spricht sogar von der „Magie der Worte“. Worte können erfreuen, beruhigen, trösten, versöhnen, aufrichten, ermutigen. Worte können aber auch verletzen, demütigen, ausgrenzen, entmutigen, Streit herbeiführen und verschärfen, verleumden.

Wer mit Worten verletzt wird, kann oft für einige Stunden, sogar für Tage in sich ein schlechtes Lebensgefühl haben. Wenn Menschen (z. B. Ehe- und Lebenspartner) sich immer wieder verletzende Worte sagen, kann sich zwischen ihnen allmählich eine Wand aufbauen, die irgendwann nicht mehr zu überwinden ist.

Wenn Kinder und Jugendliche von klein auf immer wieder verletzende Worte gesagt bekommen, wird in ihnen angemessenes Selbstwertgefühl, mutige Lebensfreude und Vertrauen geschwächt oder gar zerstört.

Es liegt an uns und an unseren Worten, welches Lebensgefühl Menschen neben uns entwickeln.

Wir sind durch unsere Worte entscheidend mitverantwortlich für die Lebensqualität der anderen Menschen. Es liegt an uns und unseren Worten, ob der andere neben uns in seinem Leben etwas von der Qualität des „Himmels“ oder des „Fegfeuers“ erlebt.

Auch Worte der Lehrer können in den Schülern viel Hilfreiches bewirken oder manchmal auch lebenslang nicht heilende Wunden zufügen.

Nicht zu vergessen: Das Wort Gottes ist – auch wenn es bisweilen Kritik und Zurechtweisung ausdrückt – letztlich immer ein gutes und ermutigendes Wort, auf das wir besonders hinhören mögen und das wir weitergeben können.

Josef Torggler

Distanziertes Wissen und einfühlsame Begegnung

Dieses Gespräch könnte so stattgefunden haben:
„Du gehst tüchtig ran, Vater“. Sohn Ulrich trifft seinen Vater bei einer ausgedehnten Autowäsche.
„Weißt du“, erklärt der Vater, „die anderen machen mir das nicht sorgsam und gründlich genug. Der Wagen ist für mich eine wertvolle Kapitalanlage. Da muss man schon selbst etwas Zeit und Mühe drauf verwenden.“
Bin ich eigentlich keine wertvolle Kapitalanlage?“
„Wieso?“
„Weil du nie Zeit für mich hast!“

Der Philosoph und Psychotherapeut Ernst Fromm wies in seinen Schriften darauf hin, dass wir zunehmend in einer „nekrophilen“ Gesellschaft leben. Das heißt, in einer Zeit, in der tote Objekte, Wissen und Technik, Erfolg und Besitztümer mehr geachtet und geschätzt werden als das Lebendige, mehr als die Natur mit ihren Pflanzen und Tieren, mehr vor allem auch als die Mitmenschen. Empathie und Einfühlung würden abnehmen zugunsten von kaltem Wissen, Planen und technischer Weltbeherrschung.
In der weltweiten Politik scheinen persönliches Karrieredenken und egoistischer Nationalismus auf Kosten des Gemeinwohles aller stark zuzunehmen. Es gibt Politiker, die kein Problem damit haben, z. B. Flüchtlinge einfach auf Booten sterben oder in Fluten ertrinken zu lassen oder gegen sie hohe Mauern zu errichten. Wichtig bleibt die eigene Karriere, wenn auch auf Kosten von Menschenleben.

Technische Weltbeherrschung bringt viele Vorteile und Annehmlichkeiten. Sie fördert aber nicht einfühlenden Umgang mit dem Lebendigen. Dies zeigt sich in vielen Bereichen. Auch die neuerdings so gepriesene Technik von Elektroautos verheimlicht die äußerst schädliche Herstellung und Entsorgung der schweren Batterien. Die Behauptung, durch mehr und bessere Technik werden wir die Schäden der Technik überwinden, dürfte eine Fehleinschätzung sein.

Bei aller schulischen Wissensvermittlung in den verschiedenen Fächern und bei aller technischen Ausbildung bleibt es wichtig, Jugendliche und Erwachsene persönlich in ihrer Ganzheit und Einmaligkeit als Mensch nicht zu übersehen, sondern zu schätzen.

Es wird zunehmend wichtig, beim Aufzeigen und Lernen der großen Zusammenhänge mit dem Wissen auch Einfühlung und verantwortungsbewusste Wertschätzung zu fördern. Besonders das Fach Religion hat hier eine wichtige Aufgabe. Die Art und Weise wie Lehrer und Schülern sich im Unterricht begegnen ist in diesem Zusammenhang ebenso wichtig wie der theoretische Leninhalt.

Josef Torggler, in: RL-Forum August 2019

 

Alles was in der Zeit begonnen hat, geht in der Zeit auch wieder zu Ende. Jede Stunde, jedes Jahr, jedes Ereignis und jede Erfahrung. Oft sind wir froh, dass etwas wieder zu Ende geht und oft sind wir traurig darüber. Auf jeden Fall aber müssen wir immer mit der zeitlichen Vergänglichkeit  rechnen. Es geht nicht anders.

Alles, was wir in der Zeit tun und erleben prägt unsere Innere Persönlichkeit. Es prägt unser Denken, unser Handeln, unsere Weltsicht, unsere Weltanschauung. Es prägt unser Verhalten, unsere Ängste und unsere neuen Erwartungen.

Alle Erfahrungen in der Zeit sind Durchgänge, durch die unser tieferes Sein geprägt wird. Unser innerer Mensch aber, der durch alles hindurchwandert, bleibt erhalten über alle zeitlichen Momente hinaus, selbst über die Durchgangserfahrung des Todes. Ohne die Erfahrungen und Erlebnisse in der Zeit und in der Welt blieben wir unentwickelt, leer und nur offene Möglichkeit, „tabula rasa“.

Im 3. Kapitel des Buches Kohelet werden viele gegensätzliche Erfahrungen aufgezählt, die ein Mensch im Leben machen kann oder muss. Dann folgt zusammenfassend der tiefsinnige Satz: „…Gott hat die Ewigkeit in alles hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun (das Gott tut) von seinem Anfang bis zu seinem Ende verstehen könnte…“ Alles was in einem Menschen in der Zeit geschieht ist von einem nicht voll nachvollziehbaren Sinn umfangen und hat bleibende Bedeutung über die endliche Zeit hinaus.