Zum Hauptinhalt springen

Projekt "Mut zum Hinsehen"

Die Diözese Bozen-Brixen hat sich 2023 für die Realisierung des Projektes „Mut zum Hinsehen“ entschieden. Die Idee zum Projekt wurde von P. Dr. Hans Zollner SJ, Präsident des Institutes für Anthropologie (IADC) an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, anlässlich des Informationstreffens am 4. März 2022 in Bozen angestoßen. Das Konzept der Aufarbeitung, das in Zusammenarbeit mit dem Institut für Anthropologie an der päpstlichen Universität Gregoriana erarbeitet worden ist und jetzt durchgeführt wird, geht von einer Zukunftsvision aus, in der die Diözese ein sicherer Ort für Minderjährige und schutzbedürftige Personen ist. Als die wichtigsten Merkmale des Projektes „Mut zum Hinsehen“ bezeichnet Gottfried Ugolini, der Vorsitzende der Projektsteuerungsgruppe „die Betroffenenperspektive, die Unabhängigkeit der Untersuchungen“, - und wie von Bischof Muser vorweggenommen – „eine transparente Vorgangsweise sowie die Berücksichtigung der sprachlichen und kulturellen Besonderheiten unseres Landes“.

 

Häufig gestellte Fragen zu Prävention und Missbrauch

Sexueller Missbrauch oder sexuelle Ausbeutung ist immer dann gegeben, wenn eine Person ein Kind, eine Jugendliche oder eine sonstige Schutzbefohlene benutzt, um eigene sexuelle Bedürfnisse oder Machtbedürfnisse auszuleben und zu befriedigen. Täter nutzen ihre Machtposition und die Abhängigkeit – auch bedingt durch Unwissenheit – Schutzbefohlener aus und ignorieren damit deren personale Grenzen. Täter sehen Betroffene nur noch als Objekt, das für die Befriedigung eigener Bedürfnisse benutzt wird. Sexueller Missbrauch hat nichts mit frei gelebter und gesunder Sexualität zu tun.

Als sexuelle Handlungen gelten dabei Küssen, Berührungen, Manipulationen im Intimbereich und Geschlechtsverkehr. Aber auch anzügliche Witze, unangemessene Bemerkungen über den Körper einer oder eines Betroffenen und das Zugänglichmachen erotischer oder pornografischer Materialien gelten als gewaltförmiges Handeln, weil sie die Betroffenen beschämen, deren sexuelle Entwicklung bzw. Identität beeinträchtigen und sie in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit massiv schädigen.

Es gibt keine eindeutigen Symptome für sexualisierte Gewalt. Verhaltensauffälligkeiten können, müssen aber nicht zwingend Hinweis darauf sein. Folgende Auffälligkeiten sollten aber möglichst Beachtung finden und aufmerksam werden lassen:

Körperlich: falsche Ernährung – Über- bzw. Untergewicht; unangenehmer Geruch; unversorgte Wunden; chronische Müdigkeit; Krankheitsanfälligkeit; körperliche Entwicklungsverzögerungen; signifikante Verletzungen wie Narbe, Striemen, Blutergüsse Verbrennungen etc. ohne adäquat nachprüfbare Erklärungen. Verletzungen zeigen sich aber nicht nur körperlicher Art, sondern auch psychosomatische Signale wie Hals- oder Bauchschmerzen, selbstzerstörerische Verletzungen, gestörtes Essverhalten, Verwahrlosung oder Suchtverhalten können Indikatoren für Missbrauch sein. Aufmerksam werden sollte die Umgebung immer, wenn Kinder, Jugendliche und auch erwachsene Schutzbefohlene ihren eigenen Körper zunehmend vernachlässigen oder sogar ablehnen!

Kognitiv (Denk- und Wahrnehmung): eingeschränkte Reaktionen, Wahrnehmung- und Gedächtnisstörungen, Konzentrationsschwächen, Verzögerung der Sprach- und Intelligenzentwicklung. Auffällig ist auch intensives Tagträumen und anderes Verhalten zum Rückzug aus der Realität!

Psychisch: Die Kinder sind apathisch, traurig, manche Kinder verstummen ganz. Dieses Rückzugsverhalten kann aber auch in aggressives Verhalten umschlagen.  Oft stark angepasstes Verhalten. Ein Kind ohne guten Bezug zum eigenen Körper verliert an Selbstbewusstsein: „Ohne Body bin ich ein Nobody“.

Sozial: starke – nicht nur pubertätsbedingte – Gefühlsschwankungen, Distanzlosigkeit, Grenzen und Regeln nicht einhalten können, fehlender Blickkontakt, sexualisierte Sprache und Verhalten, eigener Hang zu (sexuellen) Übergriffen auf Andere, Schulschwänzen, Weglaufen, Straftaten, plötzliches Stottern, unerklärliche Schulschwierigkeiten.

Glauben Sie dem Kind/Jugendlichen/Schutzbefohlenen.

Die Erfahrung zeigt, dass sich betroffenen Personen, insbesondere auch Kinder, sexuelle Übergriffe in aller Regel nicht ausdenken.

Bleiben Sie ruhig.

Ihre Panik oder Bestürzung würde die oder den Betroffenen nur noch mehr belasten oder eventuell wieder zum Schweigen bringen.

Informieren Sie sich und suchen Sie Hilfe für sich und Betroffene.

Stell uns deine Frage!

Zukunftsvision

Das Projekt „Mut zum Hinsehen“ geht von der Zukunftsvision aus: „Kirche als sicherer Ort für Kinder und Jugendliche“. Grundlage dafür sind das Evangelium und die Sendung der Kirche, die Frohe Botschaft zu verkünden, erfahrbar zu machen und zu feiern. Jesus hat auch die Kinder in die Mitte gestellt und gesegnet. Er wirbt mit ihnen für eine Haltung, die dem Reich Gottes entspricht. 

Neuheit des Projektkonzeptes

Das Konzept geht über die bisherigen Ansätze und Formen der Erhebung der Realität der Missbrauchsfälle im innerkirchlichen Bereich hinaus. Über die sozio-historischen, kirchenrechtlichen, zivilrechtlichen, an Betroffenen und Tätern orientierten Kriterien zur Aufklärung und Aufarbeitung hinaus wird mit diesem Projekt ein neuer Weg beschritten. Das Konzept will mit einer Zukunftsvision einen umfassenden organisationalen Transformationsprozess in Bewegung setzen. Ein weiterer neuer Aspekt betrifft die gleichzeitige Einbeziehung von internen und externen Fachleuten. Durch erstere soll die interne Akzeptanz gefördert und die interne Expertise miteinbezogen werden. Durch die externen Fachleute soll eine transparente und wissenschaftlich verantwortliche Umsetzung des Projektes gewährleistet werden. Zudem wird durch einen externen Projektbeirat eine kirchenunabhängige, kompetente und kritische Außensicht auf die Umsetzung des Projektes geworfen.

Im Übrigen handelt es sich um das erste Projekt in der Kirche Italiens, das sich auf diese Weise der Realität des Missbrauchs in ihren eigenen Reihen stellt und konsequent Aufarbeitung als umfassenden Erneuerungsprozess in die Wege leitet.

Projektprozesse

Transformationsprozess

Durch die Umsetzung des Projektes wird ein Transformationsprozess eingeleitet, der zwei Ziele verfolgt: eine veränderte Haltung gegenüber den Missbrauchsfällen, den Betroffenen und Tätern sowie eine strukturelle und inhaltliche Umgestaltung, um Missbrauchsfällen vorzubeugen und bei Vorfällen konsequent und kompetent zu handeln. Es handelt sich um eine ethische Haltung und moralische Verantwortung entsprechend der Sendung der Kirche, ihres missionarischen und prophetischen Auftrages.

Motto des Prozesses

Das Motto des Projektes „Mut zum Hinsehen“ drückt die Entschiedenheit und den Willen der Diözese aus, sich den Missbrauchsfällen der Vergangenheit und deren Folgen zu stellen, Verantwortung zu übernehmen, aus Fehlern und Versagen zu lernen und Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen. Daraus erwächst eine Kultur des Hinsehens, der Wachsamkeit und der Mitverantwortung aller, solidarisch, gerecht und respektvoll die Würde des Menschen und den Wert des Lebens in den Mittelpunkt allen Handelns zu stellen.

Projektphasen

Das Projekt sieht drei Phasen vor und ist auf drei Jahre angelegt.

Die erste Phase ist der Aufklärung gewidmet. In mehreren Zugängen werden die Missbrauchsfälle, welche durch kirchliches Personal begangen wurden, erhoben und wie Verantwortliche, Einrichtungen und Gemeinden damit umgegangen sind. Dies geschieht durch eine Archivrecherche, durch einen allgemeinen Aufruf über die Medien, durch Interviews und durch einen Fragebogen.

Die zweite Phase hat die systematische Aufarbeitung auf individuellerund systemischer Ebene zum Ziel. Sie bezieht sich auf alle Beteiligten und diözesanen Strukturen: Betroffene, Zeugen, Mitwissende, Täter, Gemeinden, Einrichtungen, Organisationen und Gemeinschaften. Dazu gehören die Berücksichtigung der Missbrauchsthematik in allen Äußerungen des kirchlichen Lebens und die Anbringung von Erinnerungstafeln und die Errichtung von öffentlichen Mahnmalen.

Die dritte Phase setzt den Schwerpunkt auf Prävention. Die sieht eine verbindliche und überprüfbare Standardisierung der Präventionsmaßnahmen und der Interventionsabläufe in allen diözesanen Bereichen vor. In allen Bereichen der Diözese werden eigene Präventionsmaßnahmen und Schutzkonzepte erarbeitet und implementiert, die jeweils ständig evaluiert und aktualisiert werden.

Missbrauchsfälle und Zeitrahmen

Das Projekt sieht die Erhebung und die Beachtung aller Formen von Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt durch Priester, Diakone, Ordenspriester im diözesanen Dienst und kirchliche Mitarbeitende auf allen Ebenen der Diözese vor.

Aus eigenrechtlichen Gründen werden die Ordensgemeinschaften bei der Archivrecherche nicht mit einbezogen.

Die Archivrecherche bezieht sich auf die diözesanen Archive seit 1964, dem Jahr, in dem die Diözesangrenzen neu geregelt wurden. Ausgenommen sind die Pfarrarchive, auf Grund der Annahme, dass sich kaum jemand selbst als Täter im Archiv dokumentiert. Werden oder sind Missbrauchsfälle bekannt, zu denen in den Personalakten keine oder nur dürftige Unterlagen vorhanden sind, wird auch in den Pfarrarchiven oder in den Einrichtungen, in denen die Person tätig war, nachgeschaut.

Werden oder sind Missbrauchsfälle vor 1964 bekannt, werden in den entsprechenden Archiven die Personalakten eingesehen.

Charakteristika des Projektes

Das Projekt „Mut zum Hinsehen“ ist prozesshaft, partizipativ und auf Prävention hin angelegt. Die Umsetzung des Projektes erfolgt zielgerichtet in kleinen Schritten, die immer wieder aufeinander abgestimmt werden und den jeweils nächsten Schritt vorbereiten. An der Umsetzung des Projektes werden möglichst viele auf den unterschiedlichen Ebenen und in den unterschiedlichen Bereichen der Diözese eingebunden und aktiv beteiligt. Zur Gestaltung und Durchführung der einzelnen Schritte werden interne und externe Fachleute herangezogen. Dabei wird auf eine transparente Vorgangsweise Wert gelegt. Entsprechend der Zukunftsvision ist das Endziel die Schaffung einer qualifizierten, evaluierbaren und von allen mitgetragenen Präventionsarbeit in der gesamten Diözese.

Organisationsstruktur des Projektes

Die Organisationsstruktur zur Umsetzung des Projektes „Mut zum Hinsehen“ ist sehr einfach angelegt.

Auftraggeber ist der Bischof zusammen mit dem Generalvikar.

Der Bischof setzt eine Steuerungsgruppe ein mit dem Auftrag, das Projekt umzusetzen. Die Steuerungsgruppe arbeitet unabhängig. Der Vorsitzende der Steuerungsgruppe informiert den Auftraggeber über die Durchführung des Projektes und vertritt das Projekt nach innen und nach außen.

Die Mitglieder der Steuerungsgruppe:

  • Roland Angerer: Pädagoge, Betroffener
  • Peter Beer: Vertreter des IADC
  • Marina Bruccoleri: Sozialpädagogin
  • Mario Gretter: Priester, verantwortlich für den Bereich Pastoral
  • Helmut Hell: Organisationsberater
  • Brigitte Hofmann: Pädagogin, verantwortlich für den Bereich Caritas
  • Julia Linder: Pädagogin, verantwortlich für den Bereich Bildung
  • Raffaella Zadra: Rechtsanwältin
  • Fabian Tirler: Kirchenrechtler, verantwortlich für den Bereich Verwaltung
  • Gottfried Ugolini: Priester

Um die Transparenz bei der Umsetzung des Projektes zu gewährleisten, wird vom Bischof auf Vorschlag der Steuerungsgruppe ein externer Projektbeirat eingesetzt. Dieser besteht aus Fachleuten, die in keinem diözesanen Dienstverhältnis stehen. Er hält einen unabhängigen kritischen Blick auf die Projektdurchführung. Er hat Informations-, Initiativ- und Vorschlagsrecht.

Für die operative Durchführung des Projektes werden unter anderem vier Projektgruppen gebildet und eingesetzt. In jedem diözesanen Bereich arbeitet eine Projektgruppe: Pastoral, Bildung, Caritas und Verwaltung. Die Verantwortlichen der Projektgruppen sind Mitglieder der Steuerungsgruppe.

Öffentlichkeitsarbeit

Die Öffentlichkeitsarbeit erfolgt über das Amt für Medien und Kommunikation in Zusammenarbeit mit dem Vorsitzenden der Steuerungsgruppe. Auf der Homepage der Diözese wird eine eigene Seite zum Projekt „Mut zum Hinsehen“ eingerichtet für Mitteilungen und Informationen sowie für Fragen und Rückmeldungen.

Finanzierung

Die Diözese übernimmt die Finanzierung des Projektes. Die Kostenvoranschläge und die Abwicklung der Bezahlungen erfolgt über den Diözesanökonomen.

Datenschutzinformation

Datenschutzinformation laut Art. 13 der Verordnung (EU) 2016/679 – Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und den gültigen nationalen Bestimmungen (GvD 196/2003, abgeändert durch das GvD 101/2018) sowie Generaldekretes „Bestimmungen zur Wahrung des guten Rufes und der Privatsphäre“ der italienischen Bischofskonferenz vom 24. Mai 2018. Hiermit informieren wir Sie über die Verarbeitung Ihrer personenbezogenen Daten und Ihre Rechte im Rahmen des Projektes „Mut zum Hinsehen“.