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Botschaften & Stellungnahmen

Weihnachtsbrief 2020

Die Zeit der Coronapandemie lässt uns ein einfacheres, bescheideneres, vor allem aber ein tieferes und schöneres Weihnachten wiederentdecken.

 

Bischof Ivo Muser

Weihnachten 2020

Die Zeit der Coronapandemie lässt uns ein einfacheres, bescheideneres, vor allem aber ein tieferes und schöneres Weihnachten wiederentdecken.

 

Ein Weihnachten...

...das uns den Wert guter Worte erkennen lässt

Von Infektionen wollen wir alle nichts mehr wissen, aber was wäre, wenn wir uns an diesem so besonderen Weihnachten gegenseitig mit dem Virus des Guten und der Hoffnung anstecken würden? Verbreiten wir dieses Virus mit freundlichen, zärtlichen Gesten, mit hoffnungsvollen und Mut machenden Worten, mit Zeichen, die leben helfen. Bemühen wir uns, Beziehungen auch auf Distanz aufrechtzuerhalten. Verbreiten wir Gelassenheit und Lebensfreude, ohne Ängste zu schüren und ohne die tatsächliche Gefahr zu verschweigen.

…an dem wir den bedürftigsten Menschen unter uns Nähe schenken

Dieses Virus hat Opfer gefordert: nicht nur Kranke und viele Tote, sondern auch Trauernde, Arbeitslose, Depressive. Es gibt ältere Menschen, die sich noch zerbrechlicher und einsamer fühlen. Es gibt Eltern schulpflichtiger Kinder, deren Probleme sich im Handumdrehen vervielfacht haben. Es gibt Familien, die sich bereits in Schwierigkeiten befanden und nun endgültig in der Krise stecken. Es gibt verunsicherte, sehr verängstigte Menschen. Es gibt Frauen und Kinder, die noch mehr als sonst der Gewalt ausgesetzt sind.

All diese Menschen lassen uns Weihnachten in seiner ursprünglichen Bedeutung wiederentdecken. Schließlich ist die Botschaft von Weihnachten, dass das Gesicht des göttlichen Kindes in der Krippe das Gesicht eines Menschen ist. Es ist das Gesicht der Menschen um uns herum, das wir vielleicht nie beachtet haben. An diesem Weihnachtsfest versuchen wir, das Gesicht Jesu in den Gesichtern leidender Frauen, Männer und Kinder zu entdecken, um sie unsere Nähe spüren zu lassen. An jene zu denken, die weniger haben als wir – nicht nur auf materieller Ebene –, ist ein fundamentaler Aspekt von Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Ich hoffe daher, dass dies ein Weihnachten ist, in dem sich Mitmenschlichkeit, Nähe, Aufmerksamkeit und Großzügigkeit in konkreten Taten zeigen. Unser Impfstoff heißt Solidarität.

…im Zeichen der Veränderung

Die Covid-Pandemie markiert eine Zäsur: Es gab ein Vorher und es wird ein Nachher geben, wie es bei allen großen geschichtlichen Ereignissen der Fall ist. Dieses Weihnachten in der Pandemie fordert uns auf, die Mechanismen des Wirtschaftssystems und der sozialen Beziehungen zu hinterfragen. Es geht nicht darum, Weihnachten als Fest des Konsums zu retten. Es geht nicht darum, ins Vorher zurückzukehren, sondern anzuerkennen, dass die Welt sich in den letzten zehn Monaten grundlegend verändert hat. Versuchen wir auch deshalb, ein einfacheres, bescheideneres und damit wahrhaftigeres und schöneres Weihnachten 2020 zu feiern. 

Dieses beispiellose Weihnachtsfest kann uns helfen, unsere Überzeugungen und Gewohnheiten zu überdenken und auch all das zu erkennen, worauf wir verzichten können. Und aus dieser Veränderung kann das Gute für die Gesellschaft geboren werden. Es wird ein bisschen sein, wie die Geburt des Kindes zu Weihnachten, wie der Beginn einer neuen Geschichte.

…das dazu einlädt, sich mit dem Jetzt auseinanderzusetzen

In einer von der Pandemie geprägten Welt sind all jene, die Entscheidungen treffen müssen, gefordert, sich der Gegenwart zu stellen. Das bedeutet, bereit zu sein für neue Sichtweisen, die Signale ernst zu nehmen, die Tag für Tag aus der Gesellschaft kommen, und Antworten darauf zu geben. Eine solche Haltung brauchen wir alle. Und so kann dieses besondere Weihnachtsfest auch dazu beitragen, in der Gemeinschaft wieder zusammenzufinden, all das neu zu entdecken, was uns verbindet und was in der Krise Schaden genommen hat: in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, über alle sozialen Schichten hinweg, trotz aller unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Positionen. Wir müssen uns bemühen zu verstehen, was Menschen bewegt, vor allem diejenigen, die Angst und Misstrauen mit sich herumschleppen. Und fragen wir uns: Was kann ich in meiner eigenen Umgebung tun, um meinen Mitmenschen wieder Mut, Hoffnung und Frieden zu geben? Wen sollte ich an diesem Weihnachten 2020 auf keinen Fall vergessen? Wem sollte ich besonders danken? Wer braucht mich?

…als etwas Besonderes für die „Generation Covid“

Kinder und junge Menschen leiden wohl besonders unter der allgemeinen Unsicherheit, unter den fehlenden Kontakten in Schule und Freizeit. Die „Generation Covid“ verdient unsere ganze Aufmerksamkeit. Es geht darum, aus dieser leidvollen Erfahrung Respekt gegenüber anderen und persönliche Verantwortung zu lernen. Das Engagement vieler junger Menschen war und ist in dieser eigenartigen und schwierigen Zeit bewundernswert. Ich habe in den zurückliegenden Monaten von sehr schönen und ermutigenden Zeichen von Nähe, Hilfe und Anteilnahme gehört! Sie haben es geschafft, aus einer Zeit der Einschränkungen eine Chance auf Entwicklung zu machen. Deshalb gibt es in dieser so besonderen Weihnachtszeit ein großes Geschenk, das Erwachsene den Kindern und Jugendlichen machen können: ihnen zuzuhören, ihren Standpunkt zu verstehen, die – oft neuen – Probleme im Zusammenhang mit dem Virus zu sehen, ihre Träume zu begreifen. Und zu verstehen, wie man ihnen helfen kann, auch bei der Suche nach einem Sinn für ihr zukünftiges Leben.

An die jungen Menschen richte ich die Einladung, nicht nach einer Alternative zu Weihnachten zu suchen, sondern nach einem alternativen Weihnachten! Von Herzen wünsche ich euch den Mut und die Kraft, dass ihr gute Beziehungen pflegt, dass ihr das Geschenk eures kostbaren, jungen Lebens für euch und für andere einsetzt, dass ihr mit Glauben und Hoffnung die gegenwärtigen Herausforderungen meistert und dass ihr euren Träumen Gehör verschafft. So helft ihr der ganzen Gemeinschaft, uns allen, das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren – gerade auch zu Weihnachten.

Weihnachtswunsch

Ich wünsche uns allen, was Papst Franziskus am Pfingstfest dieses Jahres so formuliert hat:Schlimmer als die gegenwärtige Krise wäre nur, wenn wir die Chance, die sie birgt, ungenutzt verstreichen ließen und uns in uns selbst verschließen würden“.

Euch allen ein hoffnungsvolles Weihnachtsfest mit dem Grund unserer Hoffnung in der Mitte: Jesus Christus, der Sohn Gottes und der Sohn einer menschlichen Mutter.

 

+ Ivo Muser, Bischof