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Predigten

Hochfest Allerheiligen in Lengstein am Ritten 2026

Bischof Ivo Muser

Hochfest Allerheiligen

Lengstein, 1. November 2026

 

„Nimm die Auferstehung hinweg, und du zerstörst das Christentum", so sagt es, auf den Punkt gebracht, der heilige Augustinus. Damit ist auch das Entscheidende gesagt, warum Allerheiligen und Allerseelen so wichtig sind.

Ohne Ostern fällt der christliche Glauben wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ohne die Auferstehung hat die Hoffnung auf den Himmel keinen Sinn und keine Grundlage. Dann heißt das letzte Wort: Tod. 

An diesem großen Festtag schauen wir zum Himmel. Da fallen uns bedeutende Namen ein: Franziskus von Assisi, Mutter Teresa oder der heilige Martin. Wir denken an unsere Kirchenpatrone, die wir im Laufe eines Jahres feiern. Hier in Lengstein ist es die heilige Ottilia. Wir denken an die ganz Großen unter den Heiligen: Josef, Johannes der Täufer, Petrus und Paulus. Und vor allen und über allen: Maria, jene einzigartige Frau, ohne die wir Jesus nicht hätten. Aber wir denken auch an die vielen unbekannten Heiligen: an Menschen, deren Namen in keinem Heiligenkalender stehen, die aber in ihrem Leben Gottes Liebe sichtbar gemacht haben.

Vielleicht waren es Menschen aus unserer eigenen Familie und Umgebung. Eine Mutter, die sich immer um andere gekümmert hat. Ein Vater, der auch in schwierigen Zeiten zu seiner Familie gehalten hat. Ein Nachbar, der ein gutes Wort gefunden hat, wenn andere schon aufgegeben hatten. Ein Mensch, der nach einem Streit den ersten Schritt zur Versöhnung gewagt hat. Auch auf unseren Friedhöfen sind Heilige bestattet, Heilige des Alltags, die Heiligen von nebenan.

Jesus nennt in der Bergpredigt Menschen selig, die wir auf den ersten Blick vielleicht gar nicht für besonders glücklich halten würden. Selig die Armen, die Trauernden, die Sanftmütigen, die nach Gerechtigkeit hungern. Und dann sagt er: „Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“

Das ist eine Seligpreisung, die gerade in unserer Zeit eine besondere Bedeutung hat.

Wir erleben Kriege und Gewalt: die Nachrichten sind voll davon. Seit Jahren geht es um den furchtbaren Krieg in der Ukraine. Es wird viel mehr über den Sieg geredet als über Wege zum Frieden. Die Zerstörung ist enorm. Es wird Generationen brauchen, um den Hass zwischen den Brüdervölkern zu überwinden. Und im Gaza – Streifen, im Heiligen Land: da herrscht offiziell Waffenruhe. Und was Tag für Tag geschieht, ist himmelschreiende Gewalt!

Und in der kleinen Welt: Manchmal genügt ein unbedachtes Wort, und eine Beziehung zerbricht. Manchmal tragen Menschen jahrelang Verletzungen und Bitterkeit in ihrem Herzen. Und manchmal scheint es einfacher, den anderen zu verurteilen, als ihm zuzuhören.

In diese Welt hinein sagt Jesus sein Wort: Selig, die Frieden stiften! Er sagt nicht: Selig, die immer recht haben. Selig, die sich immer durchsetzen. Und er sagt auch nicht: Selig, die jedem Konflikt aus dem Weg gehen.

Jesus preist jene selig, die Frieden stiften. Frieden ist nämlich nicht einfach da. Er muss wachsen. Er braucht Menschen, die sich dafür einsetzen. Menschen, die Brücken bauen, statt Gräben zu vertiefen. Menschen, die zuhören, statt sofort zu urteilen. Menschen, die vergeben können, ohne das Unrecht zu verharmlosen. Und Menschen, die den Mut haben, den ersten Schritt zu tun.

Frieden stiften bedeutet nicht, alles gutzuheißen oder Unrecht einfach hinzunehmen. Wahrer Friede braucht auch Wahrheit und Gerechtigkeit. Aber er beginnt dort, wo wir den anderen nicht auf seine Fehler reduzieren, sondern in ihm einen Menschen sehen, der von Gott geliebt ist.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Inhalt dieses großen Festtages: zur Hoffnung auf den Himmel.

Allerheiligen ist nicht nur ein Fest der Erinnerung. Es ist ein österliches Hochfest der Hoffnung. Wir feiern Menschen, die ihr Leben aus dem Glauben gestaltet haben und nun bei Gott vollendet sind. Sie erinnern uns daran, dass unser Leben nicht mit dem Tod endet. Dass unsere Liebe nicht vergeblich ist. Dass unsere Tränen nicht vergessen werden. Und dass Gott am Ende nicht das letzte Wort dem Hass, der Gewalt und dem Tod überlässt, sondern seiner Liebe.

Jedes Wort der Versöhnung ist ein kleiner Vorgeschmack auf den Himmel. Jede ausgestreckte Hand, jedes ehrliche Verzeihen, jedes mutige Eintreten für einen Menschen, der ungerecht behandelt wird, lässt etwas von Gottes Reich sichtbar werden.

Natürlich gelingt uns das nicht immer. Wir bleiben Menschen mit Fehlern und Schwächen. Manchmal sind wir selbst verletzt und können nicht sofort vergeben. Manchmal fehlt uns die Kraft, auf andere zuzugehen. Und manchmal scheint unser Bemühen um Frieden vergeblich zu sein.

Aber die Hoffnung auf den Himmel bedeutet nicht, dass wir aus eigener Kraft vollkommen sein müssen. Sie bedeutet, dass Gott uns entgegenkommt. Dass er unsere kleinen Schritte sieht. Dass er uns immer wieder einen neuen Anfang schenkt. Und dass er einmal vollenden wird, was wir hier nur unvollkommen verwirklichen können.

Am Ende unseres Lebens werden wir nicht danach gefragt werden, wie erfolgreich wir waren oder wie viel wir besessen haben. Vielmehr wird entscheidend sein, wie viel Liebe wir weitergegeben haben. Ob wir Menschen aufgerichtet haben. Ob wir Frieden gesucht haben. Ob wir trotz aller Enttäuschungen versucht haben, das Gute nicht aufzugeben.

Dann werden wir auch erkennen, wie viel Segen von Menschen ausgegangen ist, deren Wirken unscheinbar war. Menschen, die keine großen Worte gemacht, aber Frieden gestiftet haben. Menschen, die im Stillen geliebt und gehofft haben.

An Allerheiligen, gerade auch an den Gräbern unserer Verstorbenen, sollten wir uns deshalb fragen: Wo kann ich in meinem Leben Frieden stiften? Mit wem müsste ich wieder einmal reden? Wem könnte ich ein versöhnliches Wort schenken? Wo kann ich verhindern, dass aus einem kleinen Streit eine große Feindschaft wird?

Möge Gott uns die Kraft schenken, Menschen des Friedens, der Versöhnung und der Hoffnung zu sein. Damit andere durch uns etwas von seiner Liebe erfahren und wir eines Tages gemeinsam mit allen Heiligen und unseren Verstorbenen in seiner ewigen Freude leben dürfen. Dann beginnt Ostern in seiner ganzen Fülle!