Eine dramatische Klimaveränderung mit Muren, Überschwemmungen und Lawinen mussten die Menschen in Tirol vor mehr als 300 Jahren überstehen. Wie ihnen Volksfrömmigkeit dabei Halt gab, zeigt der Nordtiroler Volkskundler Franz Jäger in einem Buch, das auch einen Blick in die Südtiroler Bergtäler wirft.
Ein Beitrag aus dem Katholischen Sonntagsblatt, Nr. 31/2026, vom 2. August 2026
Nicht so rasend schnell wie heute, von Warm auf Kalt und in einer Welt, die ihr fast hilflos gegenüberstand: Im Zeitraum von 1550 bis 1850 änderte sich das Klima in den Alpentälern. In der sogenannten Kleinen Eiszeit wuchsen die Gletscher unaufhaltsam an, die Eismassen schoben sich bis in hochgelegene Dörfer und ganze Täler waren von Seen bedroht, die sich hinter den Moränen aufstauten; Lawinen, Muren und Überschwemmungen zerstörten Weiler und ganze Dörfer.
Diesen Naturgewalten standen die Menschen damals weitaus hilfloser als heute gegenüber. Bei der Bewältigung von Angst und Katastrophen spielte die Volksfrömmigkeit eine zentrale Rolle.
Glaube im Schatten der Gletscher
Mit einer Arbeit über die Beziehung zwischen „Glaube und Gletscher“ schloss der studierte Jurist Franz Jäger aus Mutters im Jahr 2016 sein Ethnologiestudium in Innsbruck ab. Drei Jahre später erschien sein Buch unter ebendiesem Titel.
Auch in seinem aktuellen Werk „Volksfrömmigkeit. Brauchtum heute verstehen und leben“ sammelt der Autor historisches Wissen aus alten Chroniken und Beobachtungen aus den Ötztaler Alpen, konkret aus dem hinteren Ötztal, dem Pitztal und dem Südtiroler Passeiertal.
„Gerade im alpinen Bereich Tirols bestimmte die Natur das nackte Leben. Wachstum und Katastrophen begleiteten die Bewohner der Hochtäler pausenlos und diktierten ihren Lebensunterhalt. Das volksfromme Handeln gab ihnen Kraft und Halt“, hält Franz Jäger im Buch fest. Dabei ging es nicht um ein simples Geben und Nehmen nach dem kaufmännischen Muster: „Ich gebe Gott Gebete, Bittgänge oder Kapellen und erhalte dafür Schutz vor Katastrophen.“ Es ging vielmehr um das benediktinische „Bete und arbeite“, unterstreicht der Autor: „Die Menschen wussten um ihre Abhängigkeit von der Natur, vertrauten daher auf den Segen des Himmels“; gleichzeitig unternahmen sie – arbeitend – alles Menschenmögliche, um in der „wilden Natur“ zu überleben.
Volksfrömmigkeit als Kraftquelle
Sollte das in der Zeit des aktuellen Klimawandels veraltet, hinterwäldlerisch und überholt sein? Franz Jäger kritisiert wiederholt, dass die Volksfrömmigkeit vor allem nach dem II. Vatikanischen Konzil (1962–1965) als zweitklassig ins Eck gestellt und zuweilen sogar bekämpft wurde.
Dabei könne sie gerade in der heutigen Zeit ein Ausdruck des Widerstands sein – „gegen eine technologisch-pragmatische Kultur und gegen ein wirtschaftlich ausgerichtetes Nützlichkeitsdenken“, hält der Buchautor fest.
Zustimmung erhält er dabei vom Innsbrucker Bischof Hermann Glettler. Dieser bekräftigt im Vorwort, dass Volksfrömmigkeit kein Auslaufmodell sei, sondern „ein lebendiger Schatz religiöser Kultur“. Die manchmal „eigensinnigen Praktiken“ geben Zeugnis davon, „dass Glaube im Alltag verankert ist und der Segen nicht Theorie bleibt, sondern erfahrbare Wirklichkeit“. Auch der bekannte Innsbrucker Theologe und Universitätsprofessor Roman S. Siebenrock sieht in dieser „Leutereligion“ – wie sie Paul M. Zulehner bezeichnet – eine „unverzichtbare Medizin gegen die Selbstzerstörung unserer Gesellschaften“.
Zeichen gelebten Glaubens
Dass diese „Medizin“ auch heute zur Verfügung steht, zeigt das Buch in mehreren Kapiteln. Sie handeln unter anderem von Fresken, Votivbildern und Marterlen als Zeichen sichtbarer Volksfrömmigkeit. Viel Raum erhält auch die Marien- und Heiligenverehrung.
Eine besondere Rolle spielen Gelöbnisse, also feierliche öffentliche Versprechen einer Dorfgemeinschaft. Den theologisch nicht haltbaren Hintergrund bildet dabei die Überzeugung, dass Katastrophen eine Strafe Gottes seien; die Menschen müssten ihre Schuld einsehen und abbüßen.
Ein Beispiel liefert das Dorf Pfitsch. Nach einem harten Winter im Jahr 1627/28 und einer Missernte im Sommer setzte die Dorfgemeinschaft am 18. November 1628 in Sterzing ein schriftliches „Verlöbnis“ auf. Darin bekennt sie, dass sie durch mangelnde Einhaltung der Sonn-, Feier- und Festtage den „gerechten Zorn“ Gottes auf sich gezogen habe. In Zukunft werde man an diesen Tagen dem Gottesdienst beiwohnen und auf Handarbeit verzichten. Wer sich nicht daran halte, werde mit einer Geldstrafe belegt. Der Gelöbnisbrief sollte jährlich von der Kanzel verlesen werden.
Schutz vor Lawinen durch Gelöbnisse
Mit Extremwintern hatten auch die Dörfer im hinteren Passeiertal zu kämpfen. Hier setzten gefährdete Weiler und Höfe auf Lawinenfeiertage und Schneeämter – volksfromme Rituale, die übrigens auch im Wallis in der Schweiz Fuß fassten. Der versprochene „Lahn-Feiertag“ war arbeitsfrei, die Bevölkerung besuchte die Heilige Messe. Beides galt als Dank für den Schutz vor Lawinen. Noch im Jahr 1928 gelobten zum Beispiel die Bewohner von Pfelders, den 30. November als „Lahn-Feiertag“ zu halten.
Da im Tal vorwiegend Einzelhöfe von Lawinen bedroht wurden, gibt es laut Jäger keine gemeinschaftlichen Gelöbnisse, sondern jene der jeweiligen Hofbesitzer. „Bis heute halten sich die Nachkommen an dieses Versprechen“, hält das Buch fest. In Rabenstein im Passeier wurden solche Messfeiern als „Schneeämter“ bezeichnet.
Wallfahrten als Bitte und Buße
Da schriftliche Quellen fehlen, lässt sich nicht mehr ermitteln, wann diese Votivmessen eingeführt wurden. Genau dokumentiert ist dagegen, dass ein Bauer im Jahr 1887 das „Schneeamt“ nicht bezahlte und im selben Jahr prompt eine Lawine den Teil eines Hofes zerstörte; dabei wurde schriftlich festgehalten, dass dieses Unglück als „Strafe“ bzw. Mahnung für die Nachlässigkeit bei der Bezahlung der Messe gewertet wurde.
Die Bitte um Schutz vor Naturgefahren und Buße für Vergehen bilden auch die Basis für die Kreuzgänge, die im Passeiertal „weit bis in das Mittelalter zurückreichen“. Ein Ziel der Wallfahrten zu Beginn des bäuerlichen Arbeitsjahres im Mai war der Gnadenort Maria Trens. Wie historische Quellen festhalten, sollte der „allgemeine Kreuzzug zur Verhinderung aller Sünden, zu Abstellung aller Ärgernisse, zur Abwendung der göttlichen Strafen und Erbittung aller göttlichen Wohltaten“ abgehalten werden.
Der Dichter, Theologe und Politiker Beda Weber (1798–1858) dokumentiert, dass sich rund 600 Männer aus dem Passeiertal dem langen und beschwerlichen Kreuzgang über den Jaufenpass anschlossen. Dabei betete „jedes Paar des Zuges miteinander den Rosenkranz, daher so viele verschiedene Rosenkränze als Paare ..., ein Gesumse von viel hundert Stimmen, wie ein wandernder Bienenschwarm.“ Am nächsten Tag wurde der Rückweg angetreten. Seit dem Jahr 2009 folgt übrigens die Passeirer Jugendwallfahrt den historischen Spuren des Kreuzgangs.
Der hl. Nepomuk auf der Bahre
Auf dem Weg liegt auch Walten, das im Buch über Volksfrömmigkeit ebenfalls einen Eintrag erhält, und zwar mit der bekannten Nepomuk-Prozession. Der hl. Johannes Nepomuk wurde wegen seines Glaubens in Prag in der Moldau ertränkt. Er wird daher als Schutzpatron gegen Überschwemmungen angerufen, auf vielen Brücken wurde eine Statue des Heiligen aufgestellt. In Walten wird jedes Jahr eine feierliche Prozession zum Nepomuk-Kirchlein in Wans abgehalten; dabei wird die Statue des „toten“ Heiligen auf einer Art Bahre von Schützen zur Kirche getragen.
Martin Lercher

