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Botschaften & Stellungnahmen

Begegnung zum Gedenktag des heiligen Franz von Sales

Bischof Ivo Muser

Freitag, 23. Jänner 2026

Bozen, Pastoralzentrum

Zu Beginn dieses Jahres stehen wir als Ortskirche an mehreren wichtigen Übergängen. Der Prozess Mut zum Hinsehen steht vor dem Abschluss – Verantwortung, Konsequenz und Glaubwürdigkeit bleiben Auftrag. Die Kurienreform geht ins zweite Jahr und orientiert sich an einer synodalen Arbeitsweise. Diese besteht aus zuhören, unterscheiden, gemeinsam entscheiden und erfordert von uns allen in der Kirche eine Haltungsänderung.

Im Franziskus-Jahr – heuer begehen wir den 800. Todestag des heiligen Franz von Assisi – erinnern wir uns an eine Kirche der Nähe, des Friedens, der Bewahrung der Schöpfung und der sozialen Sensibilität. Franz von Assisi steht für eine Haltung, die sich den Menschen zuwendet und die Wirklichkeit ernst nimmt.

Das Heilige Jahr ist vor wenigen Wochen zu Ende gegangen, aber die sozialen Fragen, die uns beschäftigen, bleiben. Eine davon steht heute bewusst im Mittelpunkt unserer Begegnung: die Frage des bezahlbaren Wohnens. Diese Frage berührt ganz konkret Würde, Sicherheit und Lebensperspektiven vieler Menschen. Ein sichtbares Zeichen dafür, dass diese Frage auch für uns nicht abstrakt bleibt, ist das Wohnprojekt der Caritas, das „Haus der Hoffnung“, das aus dem Heiligen Jahr heraus entstanden ist.

Franz von Sales: Dialog als Haltung

Der heutige Anlass ist der Gedenktag des heiligen Franz von Sales, des Patrons der Journalistinnen und Journalisten. Franz von Sales steht für eine Haltung, die bis heute aktuell ist: Klarheit in der Sache, Respekt im Ton, Geduld im Gespräch. Er wollte nicht durch Lautstärke überzeugen, sondern durch Argumente und Nähe zur Lebenswirklichkeit der Menschen.

Diese Haltung ist mir wichtig – auch im Verhältnis zwischen Kirche und Medien. Dialog ist keine Schwäche, sondern Ausdruck von Verantwortung. Deshalb ist diese Begegnung bewusst als Gespräch gedacht, nicht als Bühne für Schlagworte.

Wohnen als soziale Schlüsselfrage unserer Zeit

Leistbares Wohnen ist eine der zentralen sozialen Fragen unserer Zeit. Wohnen betrifft nicht nur Quadratmeter und Preise, sondern Würde, Sicherheit und Lebensperspektiven – für junge Menschen, für Familien, für ältere Menschen. Wohnen ist mehr als ein Marktgut. Es ist eine Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Soziale Verantwortung: ein Blick auf den Namen Leo

Der neue Papst hat den Namen Leo gewählt. Dieser Name weckt unterschiedliche Assoziationen. Er erinnert an Papst Leo I., den Großen, einen der bedeutendsten Päpste der Antike. Leo I. hat maßgeblich dazu beigetragen, dass sich in der Kirche das Glaubensbekenntnis zu Christus als wahrem Gott und wahrem Menschen durchgesetzt hat.

Viele denken bei diesem Namen aber auch an Papst Leo XIII., der mit der Enzyklika Rerum novarum die soziale Frage seiner Zeit klar benannt hat: Arbeit, Eigentum, Wohnen, Verantwortung. Er hat deutlich gemacht, dass soziale Fragen nicht Randthemen sind, sondern zum Kern kirchlicher Verantwortung gehören.

Ob bewusst oder unbewusst – der Name Leo erinnert daran, dass soziale Verantwortung zum Wesen der Kirche gehört. Eigentum ist kein Selbstzweck. Es verpflichtet.

Zwei Wirkungsbereiche, ein gemeinsamer Auftrag

Die Kirche wirkt im Bereich Wohnen auf zwei klar zu unterscheidenden, sich ergänzenden Ebenen:
durch die Caritas, die Menschen in akuten Notlagen begleitet und schützt, und durch die langfristige Verantwortung für Wohnraum, den kirchliche Körperschaften zur Verfügung stellen. Beides gehört zusammen – darf aber nicht vermischt werden.

Die Kirche leistet in beiden Bereichen einen konkreten Beitrag. Wir nennen heute bewusst auch Zahlen. Sie helfen, einzuordnen, was die Kirche konkret leistet – und wo ihre Möglichkeiten begrenzt sind. 

Beitrag und Grenze

Die Kirche macht keine Wohnbaupolitik. Sie ersetzt weder Staat noch Markt. Sie kann gesellschaftliche Probleme nicht lösen.
Aber sie trägt Verantwortung dort, wo sie Eigentümerin ist. Diese Verantwortung nehmen wir wahr – transparent, realistisch und mit klar benannten Grenzen. Ehrlichkeit über diese Grenzen gehört für mich zur Glaubwürdigkeit kirchlichen Handelns.

Schluss – Einladung zum Gespräch

Im Geist des heiligen Franz von Sales lade ich Sie ein, dieses Thema sachlich, offen und respektvoll weiterzudenken. Nicht um einfache Antworten zu geben, sondern um gemeinsam Verantwortung einzuordnen und im Gespräch zu bleiben. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse, für Ihre kritische Begleitung und für den offenen Austausch.