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Predigten

Chrisammesse 2026

Bischof Ivo Muser

Gründonnerstag, 2. April 2026

Brixner Dom

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Mitfeiernde über die diözesanen Kirchensender, liebe Seminaristen, liebe Ordensleute, liebe Weihejubilare, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst!

 „Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet.“ (Lk 4,20). Bei dieser Aussage, die wir jedes Jahr im Evangelium der Chrisammesse hören, bin ich hängengeblieben. Darum geht es jetzt, dass wir unsere Augen auf Christus richten und auf ihn schauen. Wir leben immer in seinem „Heute“. In diesem Heute des Glaubens ist der Brixner Dom jetzt die „Synagoge von Nazareth“.

Liebe Mitbrüder! Wir sind heute eingeladen, auf unsere Berufung und auf unseren Dienst zu schauen. Für mich sind es heuer 40 Jahre, dass ich von Weihbischof Heinrich Forer zum Diakon geweiht wurde. 39 Jahre liegt meine Priesterweihe durch Bischof Wilhelm Egger zurück. Und am kommenden 9. Oktober werden es 15 Jahre sein, dass ich von Erzbischof Luigi Bressan zum Bischof geweiht wurde. Alle drei Weihen habe ich hier im Brixner Dom empfangen. Im Rückblick auf diese Jahre kann ich sagen: Ja, es kam vieles anders, als ich es mir vorgestellt habe. Es ist heute gesellschaftlich und kirchlich so vieles anders als damals. Es gibt auch vieles, das ich mir anders wünschen würde; und nicht wenig macht mir auch persönlich und in der Verantwortung, die mir übertragen ist, zu schaffen. Aber ich kann immer noch ehrlich sagen: Ich würde noch einmal Priester. Ich bin mit meinen Stärken und Schwächen, die ich im Gehen des Weges immer besser kennengelernt habe, mit dem, was mir Freude macht und auch mit dem, was mir Mühe bereitet, gerne und mit Dankbarkeit Christ, Diakon, Priester und Bischof.

Da wir bei der Chrisammesse als Presbyterium unserer Diözese versammelt sind, habe ich heute auch eine Bitte: Schauen wir nicht nur auf unsere Berufung, sondern auch aufeinander! Stärken wir einander, lassen wir Mitbrüder in unserem nächsten Umfeld nicht allein. Zusammenkommen bei offiziellen und gelegentlichen Ereignissen, Zeit füreinander haben, Gemeinschaft leben, Erfahrungen austauschen, die Angebote der Weiterbildung und der spirituellen Vertiefung wahrnehmen, Mitbrüder auf dem letzten irdischen Weg begleiten – all das ist wichtig. Vielleicht heute, wo wir weniger werden, noch wichtiger als früher. Manchmal kann es guttun, einfach Dampf abzulassen, den Frust loszuwerden und sich nicht zurückzuziehen. Wichtig ist es, dass wir einander auch unsere positiven Erfahrungen erzählen, miteinander beten und uns gegenseitig stützen. Und Worte der Ermutigung brauchen wir alle.

Es tut weh, wenn Priester vereinsamen, sonderlich werden und aus unterschiedlichen Gründen aus dem Presbyterium auswandern. Ich danke heute allen, die sich um ihre Mitbrüder sorgen, die einen Blick haben für jene, die eher am Rande stehen. Einen aufrichtigen Dank sage ich jenen, die innerlich und äußerlich die Gemeinschaft unter uns pflegen! Das Presbyterium ist nicht zuerst eine Gemeinschaft von Freunden und Sympathisanten, sondern eine sakramentale Gemeinschaft, gestiftet und begründet im Weihesakrament.

Schauen wir auf unsere Berufung und kommen wir immer wieder zurück zum inneren Feuer, das uns dazu gebracht hat, Priester und Diakone zu werden. Hüten wir dieses Feuer, denn nur wer innerlich brennt, kann leuchten. Das Wort des heiligen Augustinus gilt immer: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“ 

Schauen wir im Presbyterium auch aufeinander, damit wir nicht als Einzelkämpfer enden – unter uns und auch in der Zusammenarbeit mit unseren Brüdern und Schwestern, für die wir Priester und Diakone sind.

Wir schauen heute auf Jesus, der in der Synagoge von Nazareth das Wort Gottes nicht bloß vorgelesen, sondern erfüllt hat. Denn er hat den Armen das Evangelium verkündet, den Blinden das Augenlicht gegeben und die Zerschlagenen freigesetzt. Er konnte zurecht sagen: „Heute hat sich das Wort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ (Lk 4,21).

Das Wort Gottes nicht nur verkünden, sondern es erfüllen? Da regt sich wohl in uns allen Widerstand: Ist das nicht eine Überforderung? Wir sind doch nicht Christus. Aber ganz so einfach ist es nicht. Wir dürfen uns als Träger des Weihesakramentes nicht überschätzen, sollen uns aber bewusst sein, dass wir einen großen Auftrag haben.

Deshalb warne ich vor Mittelmäßigkeit, vor einem priesterlichen Dienst nach Vorschrift, wie es schlechten Beamten nachgesagt wird. Liebe Mitbrüder, wir sind nicht kirchliche Beamte, sondern Osterzeugen, Freunde, Jünger und Mitarbeiter des Auferstandenen!

Es ist unsere wichtigste Aufgabe, Menschen mit Jesus in Beziehung zu bringen. Dazu sind wir da. Dazu sind wir geweiht. Dieser Auftrag hat nichts mit Leistungsdruck und Perfektionismus zu tun, sondern vor allem mit Freude und Begeisterung. Ich freue mich immer, wenn mir jemand erzählt – und das geschieht: „Unser Pfarrer ist ein Priester mit Leib und Seele!“ 

Kirche ist dazu da, Menschen mit Jesus in Verbindung zu bringen. Ich danke heute allen, die versuchen, mit Leib und Seele Priester und Diakone zu sein. Und ich ermuntere mich und uns, die erste Liebe immer und immer wieder zu beleben. Lassen wir uns dabei auch helfen. Wenn die Liebe erkaltet, dann sind nicht immer die anderen schuld! Was tue ich, dass meine Berufung lebendig bleibt? Bin ich auch bereit, um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen?

Liebe Mitbrüder! Bevor wir andere mit den heiligen Ölen salben, machen wir uns heute selbst bewusst: Wir wurden bei unserer Taufe, Firmung und Weihe mit Chrisam gesalbt. Gott hat uns gestärkt mit dem Öl der Freude gegen die Trauer und mit dem Öl der Kraft gegen den verzagten Geist. 

Neue Kraft und Freude für unseren Dienst erbitten wir heute vom Herrn für jene unter uns, die schon lange in großer Treue ihren Dienst tun. Das besondere Gebet gilt heute unseren Weihejubilaren! Freude und neue Kraft für die Überforderten und Müden. Freude jenen, die nach einer Niederlage aufstehen, nach einer Krise tief durchatmen und neu beginnen. Freude den älteren Mitbrüdern, die immer noch tatkräftig mithelfen, und ohne die vieles nicht möglich wäre. Freude für unsere alten und kranken Mitbrüder, die die Kirche mit ihrem Gebet unterstützen. Freude und Kraft unseren jüngeren Mitbrüdern, auf denen heute viel lastet. Freude für unsere Diakone und für jene, die sich auf diesen Dienst vorbereiten. Freude unseren Seminaristen, die sich auf das Priestertum vorbereiten, und allen Frauen und Männern, Jugendlichen und Erwachsenen, die spüren, dass der Herr sie in seinen Dienst ruft. 

Die äußere Gestalt unserer Kirche verändert sich radikal und manches bricht zusammen. Auf vieles haben wir nicht eine schnelle Antwort und jenen, die sehr schnell antworten, die glatte Antworten geben und die die Schuld nur bei den anderen suchen, sollten wir nicht glauben! Die Kirchenkrise, die viele von uns am Beginn unseres Weges nach der Weihe so nicht erlebt haben, die aber heute in unseren Breiten groß ist, ist vor allem eine Gotteskrise! 

„Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt: Das Christentum vor der religiösen Indifferenz“, das ist viel mehr als nur ein sensibler und intelligenter Titel eines Buches, das der deutsche Pastoraltheologe Jan Loffeld geschrieben hat. Das ist die größte Kirchenkrise, die uns heute alle gemeinsam, und bei weitem nicht nur Diakone, Priester und Bischöfe, umgibt und prägt.

Setzen wir alles auf das Haupt der Kirche, auf Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Die wichtigsten Tage des Kirchenjahres, die wir heute Abend beginnen, mögen uns diesen Blick freilegen. Um diesen österlichen Blick bitten wir heute.