Als erstes spreche ich Glück- und Segenswünsche zum Namenstag aus: dem Abt dieses Klosters und unserem Weihekandidaten. Lieber Abt Peter und lieber Fr. Paul, nicht alle haben so wichtige und einprägsame Namenspatrone wie ihr. Schaut immer mit Dankbarkeit und Freude in den Lebenskommentar hinein, den eure großen Patrone zum Evangelium geschrieben haben. Alles Gute und viel Segen! Selbstverständlich gelten diese Segenswünsche allen, die heute ihren Namenstag feiern.
Lieber Abt Peter und liebe Benediktinergemeinschaft von Muri – Gries, lieber Pfarrer Michael und liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, lieber Fr. Paul!
Das älteste, schriftliche Zeugnis für das heutige Hochfest "Peter und Paul" stammt aus dem Jahr 354. Aber die Tradition, dass die beiden Apostel in Rom gemeinsam im Rahmen eines Festtages verehrt werden, ist noch älter. Zeugnisse für die große Verehrung der Apostel finden sich auch in den Katakomben und in Predigten altkirchlicher Theologen und Bischöfe, darunter auch der heilige Augustinus, dem diese Stiftskirche von Gries geweiht ist.
Heute feiern wir zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Petrus, der Fischer aus Galiläa, impulsiv, manchmal mutig, oft ängstlich. Paulus, der gebildete Pharisäer, der leidenschaftliche Missionar und Denker. Beide tragen ihre Geschichte mit sich, ihre Stärken, ihre Grenzen und ihr Versagen. Und so werden sie zu Säulen der Kirche.
Die Lesungen dieses Festtages sprechen davon. Petrus wird aus dem Gefängnis befreit. Er erlebt, dass seine eigene Kraft nicht ausreicht. Paulus blickt am Ende seines Lebens zurück und sagt: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue bewahrt.“ Beide Zeugnisse erzählen nicht von makellosen Helden, sondern von Menschen, die gelernt haben, ihre Grenzen anzunehmen und sich gerade darin von Gott führen zu lassen.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Botschaften für unsere Zeit. Wir leben in einer Gesellschaft, die ständig Perfektion verspricht und verlangt. Alles soll optimiert werden: Leistungen, Abläufe, Kommunikation, sogar der Mensch selbst. Die digitale Welt erweckt oft den Eindruck, als gäbe es für jedes Problem eine technische Lösung. Fehler sollen verschwinden, Schwächen überwunden, Grenzen aufgehoben werden.
Doch das Evangelium denkt anders. Gott baut sein Reich nicht auf digitale, technische Perfektion, sondern auf menschliche Personen. Nicht künstliche Intelligenz rettet die Welt, sondern konkrete Menschen, die gelernt haben, sich von Christus her anzunehmen. Nicht Fehlerlosigkeit macht einen Diener Christi aus, sondern die Bereitschaft, sich von Gott verwandeln zu lassen.
In seiner Enzyklika Magnifica Humanitas erinnert uns Papst Leo XIV. daran, dass die Größe des Menschen nicht in seiner technischen Leistungsfähigkeit liegt, sondern in seiner von Gott geschenkten Würde, in seiner Beziehungsfähigkeit und in seiner Berufung zur Liebe. Menschlichkeit ist keine Vorstufe, die irgendwann überwunden werden müsste. Sie ist der Ort, an dem Gottes Gnade wirken will. Gerade die Anerkennung der eigenen Begrenztheit eröffnet den Raum für wahre Größe.
Lieber Fr. Paul, ein Diakon ist kein Funktionsträger religiöser Dienstleistungen. Er ist, wie das Wort „Diakon“ wörtlich sagt, ein Diener. Und Dienst beginnt immer dort, wo jemand nicht um sich selbst kreist, sondern sich für andere verfügbar macht. Wer dient, begegnet den Grenzen anderer Menschen: ihrer Not, ihrer Krankheit, ihrer Einsamkeit. Wer dient, begegnet aber auch den eigenen Grenzen.
Die Regel des heiligen Benedikt – das ist etwas, das mich an dieser Regel besonders anspricht - ist von einer bemerkenswerten Nüchternheit geprägt. Benedikt kennt den Menschen. Er weiß um seine Möglichkeiten, aber auch um seine Schwächen. Immer wieder mahnt er zum rechten Maß, zur discretio, jener klugen Unterscheidung, die als „Mutter aller Tugenden“ gilt.
Der heilige Benedikt verlangt weder Überforderung noch Selbstoptimierung. Er fordert vielmehr Gehorsam, Demut und Beständigkeit. Das sind Tugenden von Menschen, die ihre Grenzen kennen und gerade deshalb fruchtbar werden. Die Benediktsregel geht nicht vom idealen Menschen aus, sondern vom wirklichen Menschen.
So heißt es am Anfang der Regel: „Höre.“ Das ist das erste Wort. Nicht: Beherrsche alles. Nicht: Sei perfekt. Nicht: Habe auf alles eine Antwort. Sondern: Höre.
Vielleicht ist das gerade heute eine prophetische Haltung. In einer Welt voller Daten braucht es Menschen des Hörens. In einer Welt voller Informationen braucht es Menschen der Unterscheidung, des Maßes und der Weisheit. In einer Welt voller Vernetzung braucht es Menschen echter Begegnung.
Petrus und Paulus sind dafür leuchtende Vorbilder. Beide mussten lernen, dass Gott größer ist als ihre Vorstellungen. Petrus musste schmerzlich akzeptieren, dass er den Herrn verleugnet hatte. Paulus musste erkennen, dass sein religiöser Eifer allein nicht genügte. Beide wurden nicht trotz ihrer Grenzen, sondern als begrenzte Menschen zu Werkzeugen Gottes.
Das gilt auch für den Dienst des Diakons und selbstverständlich auch für Priester und Bischöfe. Die Menschen erwarten nicht zuerst einen perfekten Kirchenmann. Sie suchen jemanden, der zuhört. Jemanden, der das Evangelium glaubwürdig zu leben versucht. Jemanden, der Hoffnung ausstrahlt. Jemanden, der Gottes Nähe sichtbar macht.
Lieber Fr. Paul, wenn du heute, an diesem Apostelhochfest, an deinem Namenstag, durch die Auflegung meiner Hände zum Diakon geweiht wirst, dann soll das für dich ein Weg vertieften Dienstes sein, auch mit dem Wissen und der wirtschaftlich-juridischen Kompetenz, die du mitbringst. Sei durch dein Sein und Tun ein Sakrament: ein sichtbares Zeichen, ein konkreter, menschlicher Ort, an dem Menschen Christus begegnen können. Und Christus begegnet uns gerade in den Rechtlosen, den Armen, den Suchenden, den Fragenden. Er begegnet uns oft in den Brüchen des Lebens.
Die eigenen Grenzen sind nicht ein Hindernis, sondern ein Ort der Gnade. Dafür stehen die Lebens-, Glaubens- und Berufungsgeschichten von Petrus und Paulus. Denn dort, wo der Mensch nicht mehr auf sich selbst vertraut, kann Gott wirken. Grenzen anerkennen, annehmen und fruchtbar machen – das ist keine Schwäche. Es ist ein zutiefst christlicher Weg, der Weg in der Nachfolge Jesu.
An diesem Festtag soll unser Gebet Papst Leo XIV. gelten, dem Petrus von heute. Unser Gebet soll den vielen Priestern bei uns und weltweit gelten, die im Umkreis dieses Apostelfestes ihren Weihetag begehen und wir bitten in dieser Stunde vor allem für dich, lieber Fr. Paul, dass dein diakonaler Dienst stets in der Gemeinschaft der Kirche verwurzelt bleibt: benediktinisch im Hören, diakonisch im Dienen, apostolisch im Glauben und menschlich in jener Weisheit, die fähig ist zum Dienen.
