Liebe Hochschulgemeinschaft,
liebe Studierende, liebe Schwestern und Brüder!
„Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“
Mit dieser Frage beginnt das Evangelium, das die Liturgie für den heutigen Tag vorsieht. Es ist eine große Frage: Was trägt im Leben? Was bleibt? Was ist wirklich wahr? Was gibt unserem Leben Sinn? Gibt es leben und Beziehung über dieses irdische Leben hinaus?
Bemerkenswert ist die Antwort Jesu. Er gibt nicht einfach eine fertige Antwort, sondern fragt zurück: „Was steht im Gesetz? Was liest du dort?“
Eine Hochschule lebt vom Fragen und Suchen. Auch hier in Brixen hat dieses Fragen und Suchen eine lange Tradition. Seit 1607, also seit Jahrhunderten werden hier Fragen des Glaubens, der Philosophie und des Menschseins bedacht. Generationen von Studierenden und Lehrenden haben versucht, die Wirklichkeit im Licht des Glaubens und mit den Möglichkeiten der Vernunft zu verstehen.
Das ist eine große Geschichte – aber auch eine große Aufgabe. Denn jede Generation muss neu fragen: Was bedeutet der Glaube heute? Was können wir erkennen? Was ist Wahrheit? Was macht den Menschen aus?
Gerade deshalb ist das Verhältnis von Glaube und Vernunft so wichtig. Glaube und Vernunft sind keine Gegner. Der Glaube braucht die Vernunft, damit er nicht in bloße Gefühle oder Vorurteile abgleitet. Und die Vernunft braucht die Offenheit für die großen Fragen des Lebens, damit sie nicht nur fragt, wie etwas funktioniert, sondern auch, wozu und warum wir leben.
Der Glaube fragt nach dem Sinn.
Die Vernunft fragt nach dem Grund.
Beide können gemeinsam auf Wahrheit hinführen.
Das ist eine besondere Aufgabe theologischer Bildung.
Ich halte sie heute für besonders wichtig. Wir leben in einer Welt mit unendlich vielen Informationen. Aber Information ist noch keine Wahrheit. Wir können schnell Antworten finden – aber wir müssen lernen, die richtigen Fragen zu stellen und Antworten kritisch zu prüfen.
Dazu braucht es Orte wie eine Hochschule: Orte des Nachdenkens, des Dialogs und der gemeinsamen Wahrheitssuche.
Doch das Evangelium führt uns noch einen Schritt weiter.
Der Gesetzeslehrer kennt die richtige Antwort: Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst.
Aber Jesus sagt nicht einfach: „Das weißt du ja.“
Er erzählt die Geschichte vom barmherzigen Samariter.
Ein Mensch liegt verwundet am Straßenrand. Der Samariter sieht ihn – und bleibt stehen.
Hier geschieht etwas Entscheidendes:
Aus Wissen wird Verantwortung. Aus Wissen wird eine Tat. Auch das ist für eine Hochschule wichtig.
Wir studieren nicht nur, um mehr zu wissen. Wir studieren, damit unser Denken unser Leben prägt und verändert.
Man kann viel über Barmherzigkeit wissen und trotzdem unbarmherzig sein. Man kann über die Würde des Menschen sprechen und trotzdem den Menschen neben sich übersehen. Man kann über Gott reden und doch vergessen, Gott zu suchen.
Deshalb lautet die Frage Jesu am Ende nicht: „Wer hat alles richtig gewusst?“
Sondern: „Wer hat als Nächster gehandelt?“
Vielleicht könnte dies auch eine Leitfrage für unser neues Hochschuljahr sein: Was machen wir mit dem, was wir wissen? Wozu dient unsere Bildung? Wozu dienen unsere Philosophie und unsere Theologie? Was verändert sich in uns durch das Studium?
Liebe Hochschulgemeinschaft!
Die lange Geschichte der theologischen Bildung in Brixen verpflichtet uns, die großen Fragen unserer Zeit nicht zu scheuen.
Künstliche Intelligenz und Digitalisierung, die Frage nach der Würde des Menschen, Migration und kulturelle Vielfalt, die Zukunft von Kirche und Gesellschaft – all das sind auch Fragen der Theologie und der Philosophie.
Wir brauchen dafür Mut zum Denken und Mut zum Glauben. Mut zum Denken, auch wenn Fragen unbequem werden. Mut zum Glauben, auch wenn nicht alles einfach zu beantworten ist. Und vor allem Mut zum Dialog: mit Menschen, die anders denken, anders glauben oder zweifeln.
So wünsche ich uns für dieses neue Hochschuljahr:
dass wir neugierig bleiben, dass uns das Denken nicht zu anstrengend ist, dass wir die Mühe des Lernens nicht geringschätzen, dass wir offen miteinander sprechen,
dass wir die Wahrheit suchen und uns nicht mit plakativen, schnellen und bequemen Antworten zufriedengeben, und dass wir das Erkannte auch leben.
Das alte Leitwort, das diesen Ort seit Jahrhunderten prägt, soll uns begleiten: Pietas et scientia – Frömmigkeit und Wissenschaftlichkeit. Glaube und Vernunft. Herz und Verstand. Denken und Handeln.
In diesem Eröffnungsgottesdienst bitten wir um den Heiligen Geist. Eine alte, schöne und sinnvolle Tradition an allen kirchlichen Universitäten, Hochschulen, Priesterseminaren und Ausbildungsstätten. Möge Gottes Geist unsere Hochschule und unser Priesterseminar, ihre Lehrenden und Studierenden, ihre Hausvorstände und Seminaristen begleiten. Er schenke uns allen Klarheit des Verstandes, Offenheit des Herzens und den Mut, aus unserem Wissen Verantwortung werden zu lassen.
Und wenn wir am Ende dieses Hochschuljahres zurückblicken, möge nicht nur gelten:
Wir haben viel gelernt.
Sondern noch viel mehr:
Wir sind tiefer geworden, wir sehen klarer, wir sind geistlicher geworden, wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen – und wir sind so der Wahrheit und damit Gott ein Stück nähergekommen.