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Katholisches Sonntagsblatt

Familienseelsorger Toni Fiung: Wie Paare ihre Liebe bewahren

Ein Gespräch mit dem Paarberater und Familienseelsorger Toni Fiung darüber, wie die Vertrautheit

zwischen zwei Menschen schleichend verloren gehen kann – und was Paare konkret tun können,

damit ihre Liebe auch im Alltag lebendig und stark bleibt.

Aus: Katholisches Sonntagsblatt, Kirchenzeitung der Diözese Bozen-Brixen, 4. Oktober, Nummer 40/2026

 

Kann Liebe in einer Paarbeziehung tatsächlich verloren gehen?

Toni Fiung: Ja, schon. Meist verschwindet sie nicht von heute auf morgen. Es ist eher ein schleichender Prozess. Der Alltag läuft weiter: Die Kinder werden versorgt, beruflich ist viel zu tun, Termine müssen abgestimmt und Entscheidungen getroffen werden. Nach außen funktioniert das gemeinsame Leben oft erstaunlich gut. Die Partner erleben sich weiterhin als gutes Team, aber immer weniger als Liebespaar. Häufig ist die Liebe nicht verschwunden. Sie ist nur überdeckt von Müdigkeit, Verpflichtungen, ungeklärten Enttäuschungen und dem Gefühl, ständig funktionieren zu müssen.

Warum genügt es nicht, sich einmal bewusst füreinander entschieden zu haben?

Diese Entscheidung ist wichtig. Sie gibt einer Beziehung Halt. Aber sie ist kein Versprechen, das sich von selbst erfüllt. Menschen verändern sich. Erfahrungen, Krisen, Erfolge, Elternschaft oder berufliche Veränderungen hinterlassen Spuren. Deshalb ist es trügerisch zu glauben, den Partner oder die Partnerin auch nach zehn oder zwanzig Jahren vollständig zu kennen. Schwierig wird es, wenn aus Vertrautheit Selbstverständlichkeit entsteht: Ich weiß ohnehin, wie du bist. Ich weiß, was du denkst. Dann geht die Aufmerksamkeit für das Gegenüber verloren. Liebe braucht Neugier und die Bereitschaft, immer wieder neu zu fragen: Wer bist du? Was bewegt dich gerade? Was hat sich in dir verändert?

Gehören Konflikte zu einer lebendigen Beziehung?

Natürlich. Wo zwei Menschen einander nahekommen, treffen auch zwei unterschiedliche Lebensgeschichten aufeinander. Jeder bringt Bedürfnisse, Ängste, Erwartungen und Erfahrungen mit. Deshalb sind nicht die Konflikte das Problem. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Wenn es nur noch darum geht, Recht zu behalten oder dem anderen die Schuld zuzuschieben, wird es schwierig. Dann verhärten sich die Fronten. Hilfreicher ist die Frage: Was passiert eigentlich gerade in mir? Was hat mich so verletzt? Wovor habe ich Angst? Was wünsche ich mir von dir? Hinter Ärger steckt oft eine Kränkung. Hinter Rückzug manchmal die Angst, nicht verstanden zu werden. Und nach einem Streit braucht es den Weg zurück: eine Entschuldigung.  Oder einfach den Satz: Ich möchte verstehen, was zwischen uns passiert ist.

Was bedeutet es konkret, die Liebe zu pflegen?

Oft sind es die kleinen, beinahe unscheinbaren Gesten, die die Liebe nähren: aufmerksam zuhören, nachfragen, wahrnehmen, wenn der andere müde oder belastet ist, sich mitfreuen, eine liebevolle Berührung im Vorübergehen, ein ehrliches Danke. Darin steckt die wertvolle Botschaft: Ich sehe dich. Du bist mir wichtig. Zur Liebe gehört aber auch Zeit – nicht nur jene, die zufällig übrig bleibt, wenn alles andere erledigt ist.

Viele Paare klagen über mangelnde Zeit.

Das kann ich gut verstehen. Eltern erleben oft einen enorm dichten Alltag. Beruf, Kinder, Haushalt und die vielen organisatorischen Dinge lassen wenig Luft. Es muss nicht immer ein freier Abend sein. Manchmal können zehn ungestörte Minuten sehr viel verändern. Das Handy bleibt liegen. Die nächste Aufgabe wartet. Wichtig ist  auch interessiertes Nachfragen: Wie geht es dir eigentlich gerade? Entscheidend ist nicht, wie viel Zeit zwei Menschen miteinander verbringen, sondern ob sie in dieser Zeit wirklich füreinander da sind.

Genügt es, einander oft zu sagen „Ich liebe dich“?

Diese Worte können viel bedeuten. Ihre Kraft entfalten sie dann, wenn sie im Alltag spürbar werden. Wer „Ich liebe dich“ sagt, zugleich aber kaum zuhört, einander abwertet oder sich innerlich zurückzieht, erzeugt einen Widerspruch zwischen Worten und Erfahrung. Liebe zeigt sich deshalb vor allem im Umgang miteinander: im Zuhören, im Respekt, im Umgang mit Fehlern und darin, wie behutsam die Verletzlichkeit des anderen behandelt wird.

Müssen beide die Beziehung immer im gleichen Maß tragen?

Nein. Das wäre eine unrealistische Erwartung. Es gibt Phasen, in denen eine Person mehr Kraft hat und die andere ein Stück mitträgt. Das gehört zu einer Beziehung. Problematisch wird es, wenn daraus ein Dauerzustand wird. Wenn immer nur eine Person Gespräche sucht, Nähe herstellt, sich entschuldigt oder versucht, die Verbindung zu retten, entsteht irgendwann Erschöpfung. Eine Partnerschaft braucht auf Dauer Gegenseitigkeit. Beide müssen erleben können: Das, was ich in unsere Beziehung einbringe, wird gesehen. Und genauso übernimmst auch du aktiv Verantwortung für unser gemeinsames Wir.

Was geschieht, wenn ein Paar seine Beziehung über längere Zeit vernachlässigt?

Dann kann sich Fremdheit einschleichen. Man spricht fast nur noch über Termine, Arbeit, Rechnungen oder Dinge, die erledigt werden müssen. Körperliche Nähe wird jedoch immer seltener. Manche Enttäuschungen werden gar nicht mehr ausgesprochen, weil ohnehin niemand mehr mit Verständnis rechnet. Wenn Paare das irgendwann bemerken, erschrecken sie oft: Wie weit haben wir uns eigentlich voneinander entfernt?

Wie soll es weitergehen?

Eine Krise bedeutet nicht automatisch, dass die Beziehung am Ende ist. Sie kann auch ein Zeichen dafür sein, dass die bisherige Form des Miteinanders nicht mehr trägt. Dann geht es nicht darum, wieder so zu werden wie früher, sondern neu zu fragen: Was brauchen wir heute voneinander? Was könnte uns wieder näherbringen? Wenn beide bereit sind, sich wieder füreinander zu öffnen, kann aus der Distanz neue Nähe entstehen. Manchmal braucht es dafür Zeit, manchmal ein klärendes Gespräch – und manchmal die Unterstützung durch eine Paarberatung.

Was möchten Sie Paaren zum Schluss mitgeben?

Viele wichtige Momente einer Beziehung sind ganz einfach: ein Gespräch in der Küche, ein gemeinsames Lachen, eine Berührung im Vorbeigehen oder der Mut, nach einem Streit wieder aufeinander zuzugehen. Liebe braucht Aufmerksamkeit und darf sich verändern. Auch nach vielen gemeinsamen Jahren bleibt im anderen etwas, das neu entdeckt werden kann. Reife Liebe heißt vielleicht: Ich kenne dich gut – und bleibe dennoch neugierig auf dich.

Interview: Teresa Klotzner