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Hirtenbriefe

Hirtenbrief zum Weltgebetstag um geistliche Berufe: Es geht um Christus, den Guten Hirten

Bischof Ivo Muser

4. Ostersonntag, 26. April 2026

Das Bild von Hirt und Herde, das uns jedes Jahr am 4. Ostersonntag als Evangelium

verkündet wird, hat im Orient eine lange Tradition. „Hirte“ ist ein uralter Ehrentitel für Herrscher und Götter. Nun stellt sich Jesus als der echte, der richtungsweisende Hirte vor. Seine Verbindung zur Herde ist nicht oberflächlich und bloß pragmatisch, sondern eng, persönlich, zärtlich und liebevoll. Das tiefe Sich-Verstehen von Hirt und Herde entspricht

der innigen Gemeinschaft, die Jesus mit dem Vater lebt. Der Gute Hirt, der bereit ist, sich mit Leib und Leben für die ihm Anvertrauten einzusetzen, weiß sich selbst in Gott geborgen.

Die Kirche feiert am 4. Ostersonntag den Weltgebetstag um geistliche Berufe. Sie lädt uns ein, um Menschen zu beten, die die Hirtensorge des einen Guten Hirten teilen, und die versuchen, vom Wort Gottes und von den Sakramenten her anderen Menschen eine Tür zu einem Leben in Fülle aufzutun. Die Zahl der geistlichen Berufe hat auch in unserer Diözese dramatisch abgenommen. Ich erlebe kaum mehr, dass Kinder oder junge Menschen mir sagen, dass sie an einen geistlichen Beruf denken. Zahlen sagen bestimmt nicht alles, aber wir können sie nicht ignorieren. Geistliche Berufe sind immer auch ein Gradmesser für die Lebendigkeit einer Ortskirche. Es geht um ein für unsere Diözese und für die Weltkirche lebenswichtiges Anliegen; es darf nicht delegiert werden. Es geht alle an: Familien, Pfarrgemeinden, Bischof, Priester und Diakone, Ordensleute, Religionslehrpersonen, Jugendgruppen und kirchliche Verbände.

Ich stelle mir oft diese Fragen: Wie reden und denken wir über geistliche Berufungen? Sind geistliche Berufe vor allem deswegen nicht mehr im Blickfeld, weil die erste und grundlegende christliche Berufung zu wenig bewusst ist: nämlich die Berufung zum Christsein, die uns durch Taufe und Firmung geschenkt ist?

Mit Überzeugung und Hoffnung richte ich eine dreifache Bitte an alle Gläubigen in unserer Diözese.

Eine erste Bitte: Im Gebet um geistliche Berufe kommt zum Ausdruck, dass wir sie brauchen, wünschen und wollen, und dass wir bekennen: Wir können sie nicht selbst machen; sie sind nicht das Ergebnis unserer Planung und Leistung, sondern Geschenk des rufenden und berufenden Herrn an seine Kirche. Deshalb ist das regelmäßige, vertrauensvolle Gebet die Grundlage, um für geistliche Berufe offen und empfänglich zu sein. Nur eine Herzensangelegenheit kann zu einer vertrauensvollen und ehrlichen Bitte werden.

Die zweite Bitte: Warum es nicht wieder wagen, junge Menschen auf die Möglichkeit eines geistlichen Berufes anzusprechen? Das hat nichts mit Zwang zu tun.

Selbstverständlich werde ich das nur tun, wenn ich selbst von der Sinnhaftigkeit, von der Notwendigkeit, von der Zumutbarkeit und nicht zuletzt von der Schönheit einer solchen Entscheidung überzeugt bin. Geistliche Berufe können dort wachsen und reifen, wo sie nicht nur „problematisiert“ werden, sondern wo sie erlebt werden als ein sinnvoller und sinnstiftender Lebensentwurf. „Es muss noch mehr als alles geben“, sagt die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann.

Und noch die dritte Bitte: Unsere Zeit hat viele Idole und Vorbilder. Vor allem Jugendliche suchen nach Menschen, die sie nachahmen, denen sie nachfolgen können, manchmal mit erschreckender Treue. Auch geistliche Berufe brauchen persönliche Vorbilder. Das ist eine Frage und Herausforderung für Priester, Diakone und Ordensleute, aber genauso für Eltern und Großeltern, für Freunde und Freundinnen, für christliche Gemeinschaften und Gemeinden. Nur Leben zieht Leben an. Nur geistliches Leben bringt geistliches Leben hervor. Nur gelebter Glaube überzeugt und gibt Lust, ebenso zu werden und zu leben. „Mehr als Lehrer braucht unsere Welt Zeugen“, sagte schon Papst Paul VI., der diesen Gebetstag vor 63 Jahren eingeführt hat.

Einen aufrichtigen Dank richte ich an alle, denen geistliche und kirchliche Berufe ein Herzensanliegen sind und die junge Menschen ermutigend auf ihrem Weg begleiten. Die Priester von morgen, die geistlichen und kirchlichen Berufe, die morgen in den Dienst der Glaubensgemeinschaft treten, leben heute in unseren Familien und Pfarrgemeinden.

Wenn jede Familie und jede Pfarrgemeinde sich dessen bewusst ist, wird uns der Gute Hirt, dem seine Kirche ein Herzensanliegen ist, auch morgen die Berufungen schenken, die wir nach seinem Willen brauchen.

Papst Leo XIV. beendet seine Botschaft zum diesjährigen Weltgebetstag um geistliche Berufe mit dieser Einladung: „Liebe Brüder und Schwestern, liebe junge Menschen, ich ermutige euch, eure persönliche Beziehung zu Gott durch das tägliche Gebet und die Betrachtung des Wortes Gottes zu pflegen. Haltet inne, hört zu, vertraut euch ihm an: Auf diese Weise wird die Gabe eurer Berufung reifen, euch glücklich machen und reichlich Früchte für die Kirche und die Welt tragen.“

 

Für uns alle kommt es darauf an, auf den Guten Hirten zu hören und seiner Stimme mehr zuzutrauen als allen anderen Stimmen unseres Lebens.

+ Ivo Muser