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Katholisches Sonntagsbaltt

„Im Himmel ist keine Luft nach oben“

Der Theologe Christoph Amor über himmlisches Glück und bessere Aussichten für unser Leben.

Ein Interview aus dem Katholischen Sonntagsblatt vom 16.8.2026

 

Mariä Aufnahme in den Himmel: Da denken viele an einen Ort „irgendwo dort oben“. Doch diese Vorstellung vom Himmel ist überholt, sagt Christoph Amor, Professor für Dogmatische Theologie in Brixen. Der Bozner Theologe erklärt, was mit dem Glück auf Wolke sieben gemeint ist und warum es uns guttut, diese Aussicht in das Leben einzubauen.

 

Warum gehen unsere Gedanken beim Wort Himmel gleich nach oben, hinauf ins Blaue, zu Wolken und Engeln?

Christoph Amor: Ich vermute, dafür gibt es eine sprachliche Erklärung. Wenn wir den Begriff Himmel verwenden, fallen uns zwei Bedeutungen ein: Zum einen das Firmament, der oft blaue Himmel über Südtirol, auch mit Wolken. Der Begriff Himmel bezeichnet aber auch eine religiöse Wirklichkeit. Und weil wir für zwei verschiedene Dinge denselben Begriff verwenden, zeigen viele mit dem Finger nach oben, wenn wir sie fragen, wo denn der Himmel ist. Und die Hölle ist natürlich unten, unter unseren Füßen. Auch die religiöse Kunst mit den Darstellungen von Christi Himmelfahrt oder der Aufnahme Mariens in den Himmel trägt zu dieser Vorstellung bei.

Dahinter steht schlussendlich das Weltbild der Antike mit einem mehrstöckigen Aufbau. Ist es nicht höchste Zeit, das in die Ecke zu stellen?

Ja, tatsächlich macht das die Kirche schon seit Jahrzehnten. Sie übersetzt dieses überholte Weltbild in die heutige Zeit. Wenn man zum Beispiel in den Katechismus schaut, dann ist beim Himmel nicht mehr von einem Ort die Rede, sondern von einem Zustand. Dieser Zustand wird beschrieben als vollkommene Glückseligkeit. Das Glück ist also die vorherrschende Eigenschaft des Himmels. Dieser glückselige Zustand – ein altmodisches Wort, aber wir verstehen es – hat einen übernatürlichen Ursprung. Der Grund, warum wir im Himmel glücklich sind, hat mit Gott zu tun. Am Ende unseres Lebensweges nimmt uns der Schöpfer gleichsam in die Arme. Das ist die heute vorherrschende theologische Sicht auf den Himmel.

Könnten Sie dieses Neue in der Theologie etwas näher beschreiben?

Früher hat man Himmel und Hölle lokalisiert und beide Jenseitsorte als abgegrenzte Räume dargestellt, irgendwo über uns oder unter uns. Die heutige Theologie sieht den Himmel als Zustand. Dieser Begriff steht für eine Beziehung, und zwar eine gelingende Beziehung. Ein Mensch steht in der idealen Beziehung zu Gott. Anders gesagt: Er ist in einem solchen Ausmaß glücklich, dass schlichtweg keine Luft nach oben mehr bleibt. Wir wissen ja alle aus unserem Alltag, dass wir so lange glücklich und zufrieden sind, solange wir nicht den Blick über den Gartenzaun zur Nachbarin und zum Nachbarn werfen. Im Himmel haben wir aber nicht nur ein relatives, sondern ein absolutes Glück erreicht. Das heißt, dem Menschen fehlt nichts mehr. Jede Sehnsucht ist gestillt. Der heilige Augustinus hat den wunderschönen Satz geprägt, dass unser Herz unruhig ist, bis es in Gott ruht. Das beschreibt ganz genau, was es bedeutet, im Himmel zu sein. Das Herz kommt zur Ruhe, weil es angekommen ist.

In einem Schlager wird fröhlich behauptet, dass wir „alle, alle in den Himmel kommen, weil wir so brav sind“. Ist das ein Zustand, der im Grunde jeden Menschen erwartet?

Sagen wir so: Die christliche Tradition hofft das für jeden Menschen, und sie macht dies nicht zuletzt aus urbiblischen Gründen. Wir haben in der Heiligen Schrift mehrere Stellen, die besagen, dass sich Gott die Seligkeit für jeden Menschen wünscht. Die christliche Tradition betont immer auch die Freiheit des Menschen und weist darauf hin, dass Gott diese freie Entscheidung des Menschen respektiert, auch wenn er Bekehrung und Seligkeit ablehnt. Ein Nein zur himmlischen Gemeinschaft ist für Gott ein Nein. Wir hoffen, dass jeder in den Himmel kommt, aber wir wissen nicht, ob das tatsächlich der Fall ist, weil wir nicht wissen, wie sich Menschen entscheiden.

Nun besagt das Fest Maria Himmelfahrt, dass nicht nur die Seele der Gottesmutter Maria in den himmlischen Zustand gekommen ist, sondern auch ihr Körper. Ist das ein wunderbares Detail oder hat das für uns Menschen eine Bedeutung?

Es handelt sich nicht bloß um ein wundersames oder merkwürdiges, sondern um ein für uns Menschen wichtiges Detail. Um die Tiefe dieses Glaubenssatzes zu verstehen, muss man ein wenig in die Geschichte zurückgehen und den theologischen Hintergrund des Dogmas sehen. Es wurde ja im Jahr 1950 erlassen. Da ist gerade eine dunkle Zeit für die Menschheit zu Ende. Der Holocaust und der Zweite Weltkrieg sind noch nicht lange vorbei. In der Shoah und im Krieg wurden Millionen Körper vergast, zerfetzt und verstümmelt. Und jetzt kommt die Kirche und sagt: Wir machen das exemplarisch fest an der Gottesmutter, die ja Mensch war wie wir, und sagen, dass alles, was diesen Menschen Maria auszeichnet, also auch ihr Körper, vollendungsfähig und vollendungswürdig ist. Insofern setzt die Kirche damals einen sehr starken Akzent. Die Körperlichkeit ist etwas Positives, die Körperlichkeit gehört zum Menschsein dazu. Und wenn Gott den ganzen Menschen erschaffen hat, dann wird Gott auch den ganzen Menschen vollenden, also nicht nur die Seele, sondern auch den Körper.

Zu unserer Lebensgeschichte gehören auch Menschen, die vor uns gestorben sind. Wir machen uns Hoffnung, dass wir sie im Himmel wiedersehen. Ist diese Hoffnung begründet?

Auf jeden Fall! Es ist eine gläubige Hoffnung, es ist freilich kein Wissen. Trotz allem bin ich felsenfest davon überzeugt, dass es ein Wiedersehen geben wird. Wer das als naiv oder als bloßes Wunschdenken abtut, müsste einen Gegenbeweis erbringen. Er oder sie müsste zeigen, dass ein Weiterleben nach dem Tod kategorisch ausgeschlossen ist. Dies hieb- und stichfest nachzuweisen, ist meines Erachtens nicht möglich. Ähnlich wie Rudi Carrell würde ich sagen: „Lass dich überraschen!“ Am Ende des Lebens werden wir sehen, wer recht hat. Diese Hoffnung entspricht der tiefsten menschlichen Sehnsucht und ich denke, wir können ihr ein Stück weit auch vertrauen.

Früher spielte der Himmel im Leben der Menschen eine ganz große Rolle. Den Himmel erreichen, das war praktisch das Lebensziel. Heute halten es viele eher mit dem Dichter Heinrich Heine, der spöttisch meint, dass wir den Himmel den Engeln und den Spatzen überlassen. Eine gute Idee?

Ein Stück weit hat Heinrich Heine durchaus recht. Wenn man nämlich wie früher meint, dass das eigentliche Leben erst mit dem Tod beginnt, dann widerspricht das der christlichen Botschaft. Wenn das irdische Leben nur als Jammertal gesehen wird, das man durchstehen  muss, in dem man zu allem Ja und Amen sagen muss, dann müssen wir aufpassen, denn mit dieser Einstellung reden wir Gottes gute Schöpfung schlecht. Es gibt die urchristliche Verheißung, dass dieses Leben auch vor dem Tod lebenswert ist und viel Schönes zu bieten hat. Wenn jemand darauf vergisst, hier und heute zu leben und nur mit zwei Augen auf den Himmel schielt, dann würde ich wie Heine sagen:  Lass den Himmel lieber warten und lebe jetzt. Auf der anderen Seite würde ich Heine aber widersprechen.

An welchem Punkt?

Das Bewusstsein, dass unser Leben hier auf Erden nicht alles ist, täte unserer wohlstandsgesättigten Gesellschaft sehr gut. Und zwar deswegen, weil wir oft dazu neigen, sprichwörtlich den Himmel auf die Erde herunterziehen zu wollen und zwischen Wiege und Bahre möglichst viel erleben wollen. Das bringt uns in einen permanenten Erlebnisstress und macht uns unzufrieden, weil wir uns selbst und das Leben überfordern. Daher macht es uns gelassener und es entschleunigt das Leben, es führt zu einer inneren Freiheit, wenn ich als Christin oder Christ weiß, dass ich dieses Leben in vollen Zügen genießen kann, aber es noch etwas anderes und noch mehr als das alles hier gibt. Ich bin dann nicht darauf angewiesen, dieses Leben wie eine Zitrone bis zum letzten Tropfen auszupressen, sondern ich kann auch gelassen ein Stück weit loslassen, verzichten und  Rücksicht nehmen.

Es wird uns also, wie Sie  sagen, nicht gelingen, den Himmel auf Erden zu holen. Aber es gibt hier schon einen Vorgeschmack vom Himmel.

Die Heilige Schrift verwendet für den Himmel Bilder, die aus unserem Alltag gegriffen sind. Er wird zum Beispiel mit einem Festessen oder einem Hochzeitsmahl verglichen. Das sind Momente, wo sich das Leben verdichtet, wo wir genießen und uns gemeinsam des Lebens freuen.

Was sind für Sie himmlische Momente?

Ich sehe vor allem zwei Erfahrungen, die mir helfen, mich gedanklich dem Himmel anzunähern. Einmal sind es schöne Naturerfahrungen,  wo ich ganz bei mir bin und die Ruhe genieße. Dann ist es die Musik, wo manchmal für mich die Zeit stehen bleibt und ich ganz im Augenblick lebe und angekommen bin.

Interview: Martin Lercher