In der Leidensgeschichte des Johannes, die wir wieder an diesem Karfreitag gehört haben, begegnen uns viele Personen: selbstverständlich Jesus, die Hauptfigur des gesamten Geschehens, die Soldaten, Pilatus, Petrus, die Hohenpriester, die Pharisäer, das schreiende Volk, Maria, die Mutter der Hauptperson, der Jünger, der unter dem Kreuz steht, um nur einige zu nennen. Und auch Judas Iskariot gehört dazu, einer der Zwölf.
Unter allen Personen der Leidensgeschichte ist Judas für mich die tragischste Gestalt.
Zweimal nur wird er am Beginn der Leidensgeschichte nach Johannes erwähnt. Aber das reicht.
„Judas holte die Soldaten und die Gerichtsdiener der Hohenpriester und der Pharisäer und kam dorthin mit Fackeln, Laternen und Waffen“ (Joh 18,3)“, hat es da geheißen. Er war der, mit dem die Katastrophe ihren Lauf nahm. Er stand am Anfang dieses mörderischen Unrechts, dieser gotteslästerlichen, tödlichen Unmenschlichkeit.
Wenige Zeilen später wird er nochmals namentlich genannt – und da wird auch klar gesagt, was er für einer ist: „…Judas, der ihn auslieferte, stand bei ihnen“ (Joh 18,5), hieß es da.
Dabei hatte er doch in den vergangenen Jahren die gleiche unbändige Hoffnung, wie die übrigen Elf. Er war genauso fasziniert von Jesus, wie die anderen. Und dann das…
Manche Theologen versuchen es so zu erklären: sein Beiname „Iskariot“ könnte bedeuten, dass Judas vor der Begegnung mit Jesus zur Gruppe der Sikarier gehörte. Das waren Terroristen, Guerillakämpfer, die mit Anschlägen aus dem Hinterhalt die verhassten Römer aus dem Land vertreiben wollten. Blut, viel Blut, klebte an den Händen dieser fanatischen Freiheitskämpfer. Wenn Judas einer von ihnen war, hat er wohl irgendwann gemerkt, dass dieser Kampf keine Freiheit brachte. Er sah dann wohl in Jesus den großen Befreier, den, der dem Volk das Land der Väter, das Land der Verheißung, wiedergeben könnte.
Judas hoffte sicher auf Jesus, der am Anfang und für kurze Zeit Zustimmung bekam. Aber dieser Jesus war dann doch ganz anders. Er predigte Vergebung und Barmherzigkeit. Er sprach von Feindesliebe und davon, dass man dem, der einen schlägt, auch noch die zweite Backe hinhalten sollte. So konnte man das Land nicht befreien.
Manche vermuten, Judas wäre ein Enttäuschter gewesen. Einer, der Jesus nicht mehr verstehen konnte, inmitten all des Unrechts, all der Unterdrückung und Gewalt jener Tage: „Gott, wie kannst du das zulassen? Gott, warum?“
Wenn es so gewesen wäre, dann hätte Judas Jesus mit seinem Verrat wohl zwingen wollen, endlich machtvoll einzugreifen, endlich die Dinge zu ändern. Aber Jesus tat das nicht.
Judas kann Jesus nicht mehr verstehen. Judas kann den Gott, den Jesus verkündet, nicht mehr verstehen. „Warum?“ – Diese Frage hämmert in seinem Kopf.
Und spätestens jetzt ist mir Judas sehr nahe – näher, als mir lieb ist. „Warum?“ – Wie oft bohrt sich diese Frage nicht auch in meinen Kopf? Wie oft, kann auch ich Gott nicht verstehen? Wie oft will auch ich ihm einfach nur entgegenschreien: „Warum? Wie kannst du, Gott, das alles aushalten und zulassen?“
Judas ist mir oft näher, als ich lange dachte. Vielleicht hilft mir gerade auch dieser tragische und verachtete Judas den Karfreitag tiefer zu verstehen.
Karfreitag, das ist nicht nur ein stilles Zwischenspiel, bevor dann in der Osternacht der laute Jubel wieder ausbricht. Karfreitag, das ist furchtbare Wirklichkeit – auch heute noch.
Der Karfreitag zwingt mich, die Augen nicht länger vor dem Kreuz zu verschließen; das Kreuz in meinem Leben nicht zu einem folkloristischen Schmuckstück verkommen zu lassen. Der Karfreitag zwingt mich, Jesu Kreuz täglich neu in all den ungezählten Kreuzen zu sehen, die Menschen auch heute noch zu tragen haben.
Nein, der Karfreitag ist kein kurzes Atemholen vor dem Osterjubel. Der Karfreitag zeigt mir, wie brutal Menschen auch heute noch sein können.
Der Karfreitag lässt auch in mir den stummen Schrei des Judas aufkommen: „Warum, Gott? Warum, lässt du das alles zu?“
Karfreitag: Wir stehen vor dem Kreuz – vor dem Kreuz Jesu und vor den vielen Kreuzen, die auch heute aufgerichtet sind. Wir können das Kreuz nicht erklären. Wir stellen uns den Fragen, die es aufwirft. Wir stellen dem Gekreuzigten unsere Fragen. Das Kreuz führt unser Verstehen an die Grenze. Judas ist daran gescheitert!
Karfreitag: Ich will mich fest halten an Jesus, dem Gekreuzigten. Ich will fest halten an der Hoffnung, dass er da ist. Nichts kann uns von seiner Liebe trennen. Ich bete oft mit den schlichten Worten, die alles zusammenfassen, was ich glaube und hoffe: „Jesus dir leb ich; Jesus dir sterb ich; Jesus dein bin ich – im Leben und im Tod“. Und mit diesem Gebet hoffe ich auch für Judas. Auch für den Judas in mir. Für die vielen Judasse in Geschichte und Gegenwart. Und ich bete für die vielen Selbstgerechten, die meinen: Judas sind nur die anderen.
