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Katholisches Sonntagsblatt

Kirchenräume neu denken 

An diesem Wochenende wird in Innsbruck eine neue Boulderhalle eröffnet. Das Besondere daran: Das Gebäude war früher eine Pfarrkirche. Europaweit werden immer mehr Kirchenräume umgenutzt, etwa zu Restaurants, Kinos oder Diskotheken.

„Das kann auch bei uns passieren“, sagt der diözesane Referent für kirchliche Kunst und Kulturgüter Peter Schwienbacher.

Aus: Katholisches Sonntagsblatt, Kirchenzeitung der Diözese Bozen-Brixen, 8. November 2026, Nummer 44/2026

Wo früher Gottesdienste gefeiert wurden, wird künftig geklettert und trainiert: Ein „faszinierendes Experiment“ schreibt die Diözese Innsbruck über die neue Boulderhalle in der ehemaligen Pfarrkirche Petrus Canisius im Innsbrucker Stadtteil Höttinger Au. Es ist das erste Mal, dass in Nordtirol ein Gotteshaus umgenutzt wird.

„Kein neues Phänomen“

Dabei bleibt ein Teil der bisherigen Funktion bestehen: Der Altar im Zentrum behält seinen Platz. „Es ist geplant, dass an jedem Sonntagabend inmitten der Boulderanlage ein Gottesdienst gefeiert wird. Einmal im Monat wird dies eine heilige Messe sein, der ich als Bischof vorstehe, ein anderes Mal ein Taizé-Gebet oder ein internationaler Schwerpunkt mit Worship & Bibel“, erklärte Diözesanbischof Hermann Glettler kürzlich bei der Vorstellung des Projekts. Kleinere Gottesdienste und Veranstaltungen werden zukünftig in der Kapelle und im Pfarrsaal im Erdgeschoss stattfinden.

„Die Umnutzung von Kirchenräumen ist kein neues Phänomen“, weiß Peter Schwienbacher, der Referent für kirchliche Kunst und Kulturgüter der Diözese Bozen-Brixen. Immer wieder wurden Gotteshäuser im Lauf der Geschichte einer neuen Verwendung zugeführt. Man denke etwa an die Kirchenreformen von Kaiser Joseph II. Ende des 18. Jahrhunderts. Damals wurde unter anderem die Kartause Allerengelberg in Karthaus im Schnalstal aufgehoben. In den ehemaligen Klostergebäuden siedelten sich später Familien an. „Wo früher eine Kirche war, befinden sich heute unter anderem ein Restaurant bzw. Wohnungen. Die ursprüngliche Struktur ist aber noch immer deutlich erkennbar“, berichtet Schwienbacher.

Die Frage nach der künftigen Nutzung von Kirchen stellt sich heute immer häufiger. Besonders intensiv wird darüber im oberitalienischen Raum diskutiert. Viele Kirchen entstanden dort nach dem Zweiten Weltkrieg und besitzen oftmals keinen besonderen denkmalpflegerischen Wert. Gleichzeitig sinken die Besucherzahlen, und die Zahl der Priester geht zurück. Die Italienische Bischofskonferenz orientiert sich an vatikanischen Leitlinien für den Umgang mit Kirchen, die einer anderen Nutzung zugeführt oder gar profaniert, also entweiht werden sollten. „Bis es zu einer Umnutzung kommt, sind zahlreiche Schritte erforderlich. Auch das Denkmalamt wird eingebunden. Das Verfahren ist keineswegs einfach“, sagt Schwienbacher.

Behutsame Lösungen

Auch in Südtirol wird man sich künftig verstärkt mit neuen Nutzungsmöglichkeiten für Sakralbauten beschäftigen müssen, ist der diözesane Referent für kirchliche Kunst und Kulturgüter überzeugt. Erst vor einiger Zeit wurde bei einer Kirche im Raum Brixen, die sich in Privatbesitz befindet, über eine Nutzung als Ausstellungsraum nachgedacht.

Im NOI Techpark in Bozen dient eine nach dem Ersten Weltkrieg errichtete Kapelle heute als Rückzugsort für kleinere Gruppen. Dort finden Klausuren und Team-Workshops statt. „In diesem Fall wurde eine sinnvolle Nutzung gefunden“, sagt Schwienbacher. Er plädiert dafür, dass Umwandlungen, sofern erforderlich, die Würde und den Charakter des Gebäudes respektieren, etwa durch eine Verwendung als Bibliothek oder Museum. Das St. Prokulus-Kirchlein in Naturns ist beispielsweise Anziehungspunkt für Kunstliebhaber. Die Menschen kommen vor allem, um die berühmten Fresken zu besichtigen; aber es werden, wenn auch selten, Gottesdienste gefeiert. „Auch über Kunst oder Musik kommen Menschen zum Glauben“, ist sich Schwienbacher sicher.

Mehr Kapellen errichtet

Gerade das Beispiel Innsbruck, das Klettersport und Seelsorge miteinander verbindet, kann eine Möglichkeit sein, mehr Menschen zu erreichen und für den Glauben zu begeistern. „Wichtig ist, dass die Kirchen offen bleiben“, sagt Schwienbacher. In vielen Pfarrgemeinden gibt es die Filialkirchen, in denen früher Priester wirkten und heute kaum noch hl. Messen abgehalten werden. Dennoch besuchen viele Menschen die Gotteshäuser im Rahmen einer Wanderung oder einfach für ein kurzes Gebet oder einen guten Gedanken. Ähnliches gilt für zahlreiche bäuerliche Kapellen. Von ihnen wurden in den vergangenen Jahren sogar wieder neue errichtet. „Auch wenn weniger Menschen regelmäßig die Kirche besuchen, sind Kirchen in Südtirol nach wie vor wichtige Identifikationsorte und prägen vielerorts das Ortsbild“, sagt Schwienbacher. Das zeige sich auch bei Restaurierungen: Die Spendenbereitschaft sei oft noch groß, viele Menschen engagierten sich für deren Erhalt. Solange das so bleibt, wird die Mehrzahl der Gotteshäuser wohl auch weiterhin ihrem eigentlichen Zweck dienen.

Teresa Klotzner