Dieser Artikel ist im Katholischen Sonntagsblatt, Nummer 37/2026, am 13. September 2026 erschienen.
Kirche könnte sich „viri probati“ leisten
Ein Weihbischof im Weinberg: Bei einem Urlaub in Jenesien hielt der Regensburger Weihbischof Josef Graf nicht nur Gebetspredigten, sondern half auch beim Wimmen mit. Und wie sieht es mit den Arbeitern im Weinberg des Herrn aus? Das „Katholische Sonntagsblatt“ sprach mit ihm über Krise und Zukunft des Priesterberufs.
Den Weihbischof der Diözese Regensburg hätten wir eher in der Partnerstadt Brixen erwartet: Wie kommen Sie als Gebetsprediger nach Jenesien?
Weihbischof Josef Graf: Der Grund ist, dass ich Herrn Dr. Othmar Parteli vor einigen Jahren bei Exerzitien für Familiaren des Deutschen Ordens in Passau kennengelernt habe. Wir sind ja beide Familiaren. Herr Parteli hat sich mir vorgestellt und angeregt, dass ich zu den Gebetstagen vor dem Bartholomäustag nach Jenesien kommen und dort die Predigten halten könnte. Diese Einladung habe ich gerne angenommen. So habe ich bei vier Gottesdiensten gepredigt: zu Beginn des Gebets am Fest Mariä Königin bei der Messfeier, am Samstagabend bei der Andacht, dann am Sonntag beim Festgottesdienst und am Abend bei einem sehr schönen Evensong, einer gesungenen Vesper, zum Abschluss.
Welche Eindrücke nehmen Sie von Jenesien mit?
Ich war überrascht vom guten Kirchenbesuch und ich bin beeindruckt vom Niveau des Kirchenchores. Die Messe mit Orchester und der Evensong am Sonntag waren musikalisch von einem ganz hohen Niveau. Dann hatte ich noch schöne Begegnungen bei einem Konzert von Musikkapelle und Kirchenchor. Zwei Tage lang war ich unterwegs als Wanderer, bei den „Stoanernen Mandln“ und auf der Brücke übers Marterloch bei Afing. Dann durfte ich noch beim Wimmen im Weinberg von Herrn Parteli mithelfen. Für mich waren es hier in Jenesien sehr schöne Tage.
Stichwort Weinberg: Wie geht es weiter im Weinberg des Herrn? Sie waren 26 Jahre lang Spiritual, also geistlicher Leiter des Priesterseminars, mit bis zu 100 Seminaristen. Und heute?
Wir haben in Regensburg noch rund 25 Seminaristen. Allerdings muss man dazu sagen, dass seit mehreren Jahren auch die Priesteramtskandidaten der Diözese Passau in Regensburg studieren. Zudem wurde vom vorigen Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller im Regensburger Priesterseminar ein eigener „dritter Bildungsweg“ eingerichtet. Unsere Spätberufenen, die keine Matura haben, studierten früher in Heiligenkreuz bei Wien. Daneben studieren an unserem eigenen Bischöflichen Studiengang mittlerweile auch mehrere junge Ordensleute, die unser Priesterseminar bereichern.
Von 100 Priesteramtskandidaten auf 25, für zwei Diözesen: Was ist da passiert?
Ja, es hat sich viel geändert. Einmal sind die Geburtsjahrgänge schwächer geworden. Das Gravierendere ist aber die kirchliche Situation.
Wie beschreiben Sie diese?
Die säkulare Situation ist sicher stärker geworden. Dann gibt es bei uns in Deutschland zum Teil eine sehr unschöne antikirchliche Stimmung. Als ich 1977 ins Priesterseminar eintrat, war das für ein Dorf und erst recht für meine Eltern geradezu eine Ehre. Heute ist es leider anders. Der Priesterberuf ist ein angefochtener Beruf, Stichwort Missbrauchsskandal. Dieses fördernde, bestärkende Element fällt weg und fehlt vor allem, wenn ein junger Mensch auf dem Weg der Unsicherheit und der Klärung ist.
Hat die Kirche da selbst auch was falsch gemacht oder führen Sie das nur auf die äußeren Umstände zurück?
Gute Frage. Sicher spielt mit, dass der Priesterberuf irgendwie unsicher geworden ist. Schon seit dem Konzil spricht man von einer Identitätskrise des Priesters. Dann ist auch das Erlebnis eines funktionierenden kirchlichen Lebens geringer geworden. In meiner Jugendzeit war Ministrantendienst etwas ganz Normales. Es hat mich übrigens auch positiv überrascht, dass bei den Gottesdiensten in Jenesien immer Ministranten und Ministrantinnen – auch größere – dabei waren. Vielleicht haben wir es auch versäumt, den geistlichen Beruf noch mehr zu fördern.
Viele junge Leute wollen heute nicht in erster Linie Geld oder Karriere machen, sondern etwas Sinnvolles tun. Ist das im Priesterberuf auch möglich?
Ja, als Priester kann ich wirklich ganz tief das Gefühl haben, dass ich etwas tue und bringe, das sich die Welt selber nicht geben kann. Ich darf da etwas Größeres, etwas anderes einbringen. Sozialarbeit oder Entertainment – das kann die Welt auch selber machen. Wer Priester werden will, muss in Gott verwurzelt sein, muss also zuerst Interesse an Gott gefunden haben. Mir war es immer wichtig, dass wir den Kirchenfrust hinter uns lassen und auf die Beziehung zum Herrgott hinkommen. Wenn ich glaubwürdig etwas weitergeben kann, was über die Welt hinausgeht, ist der Priesterberuf ein schöner Beruf.
Ihnen schweben also vor allem Priester vor, die beten und Sakramente spenden ...
Nein, damit die persönliche Beziehung zu Gott glaubwürdig ist, muss ich auch als Priester ein Herz für die Menschen haben. Wir müssen als Kirche in diesem Bereich weiterhin tun, was wir zu tun vermögen. Schulen, Krankenhäuser, Caritas – das alles ist Ausdruck dafür, dass der Glaube in der Liebe wirksam wird. Aber noch grundsätzlicher und entscheidender ist, dass ich im Glauben drinstehe.
Also Gottesbeziehung und Nächstenliebe: Muss tatsächlich auch der Zölibat beim Priester mit dabei sein?
Ich meine nach wie vor, dass der Zölibat des Priesters nicht nur eine große Tradition in der katholischen Kirche hat, sondern auch ein Charisma ist, das bei der Ausübung des priesterlichen Dienstes hilfreich ist. Allerdings wird der Zölibat, wenn er ehrlich gelebt ist, immer auch mit Verzicht zu tun haben: auf die Lebenspartnerschaft der Ehe, auf eigene Kinder, auf das Ausleben der genitalen Sexualität. Der Zölibat wird als Ausdruck der Christusnachfolge immer auch mit Kreuzesnachfolge zu tun haben. Allerdings wäre die Ehelosigkeit des Priesters nicht eine „conditio sine qua non“, also eine unabdingbare Voraussetzung für den Empfang der Priesterweihe.
Es ginge auch ohne?
Ich persönlich bin der Ansicht, dass sich die Kirche „viri probati“ leisten könnte. Sie könnte „bewährten Männern“ mit Ehe und Familie die Priesterweihe erteilen. Wir haben in der Diözese Regensburg übrigens seit Jahrzehnten einige verheiratete Priester gehabt. Es waren evangelische Pfarrer, die in die katholische Kirche konvertierten, mit der Erlaubnis Roms zu Priestern geweiht wurden und weiterhin in Ehe und Familie lebten. Wir erkennen ja auch die Priesterweihe der orthodoxen Kirchen und der mit Rom unierten Kirchen des byzantinischen Ritus an. Diese kennen neben dem Mönchsstand auch verheiratete Priester. Ich könnte mir schon vorstellen, dass die Kirche den Weg der „viri probati“ geht. Der Priestermangel würde aber damit wohl nicht beseitigt werden.
Und wenn zusätzlich Frauen ordiniert werden, wie zum Beispiel der Synodale Weg in Deutschland fordert.
Ich glaube, dass das nicht möglich ist. Schon deshalb, weil wir eine andere Tradition haben. Wenn ein Papst mit dieser Tradition brechen würde, so würde dies gegenwärtig zur Spaltung der Kirche führen.
Ist die Tradition das einzige Gegenargument? Traditionen können auch neu entstehen.
Ganz und gar nicht. Es gibt meines Erachtens nach wie vor sehr gewichtige theologische Gründe, was das den Männern vorbehaltene Weihesakrament betrifft. Diese hier aufzuführen, würde zu viel Raum erfordern. Lassen Sie mich stattdessen auf etwas anderes verweisen. Alle unsere katholischen Reizthemen wie Zölibat und Frauenordination hat bei uns in Deutschland die evangelische Kirche längst abgehakt. Trotzdem leidet sie mittlerweile auch unter Personalmangel und anhaltendem Mitgliederschwund. Das sage ich nicht mit Schadenfreude, ganz gewiss nicht. Aber man sieht, dass die Wurzel der Probleme woanders ist. Es ist der Glaubensschwund.
Viele Menschen haben nun mal die Einstellung, dass es ohne Glauben und Kirche ganz gut geht. Was sagen Sie ihnen aus Ihrer Lebenserfahrung heraus?
Da fällt mir das vor zwei Jahren erschienene Buch „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“ von Jan Loffeld ein. Das sagen Menschen, die sich zum Beispiel liebevoll um ihre Kinder kümmern und auch für andere sorgen. Es sind im Grunde gute Menschen. Ich glaube aber nicht, dass ihnen nichts fehlt. Auf jedem Lebensweg gibt es Brüche, Schicksalsschläge, Erfahrungen von Krankheit und Leid. Da ist es hilfreich schon für das Leben im Hier und Jetzt, an einen Gott zu glauben, der über mir ist und mich in seiner Hand geborgen hält. Gewiss, auch als Christ darf ich Freude am Leben haben. Und als Christ werde ich erst recht für andere etwas tun wollen, was ja auch Atheisten gut machen können. Aber ich glaube, dass ein Drittes und letztlich Entscheidendes hinzukommt: dass für uns Christen das Leben nochmal einen letzten Sinn hat. Wir glauben, dass es noch was Größeres gibt als dieses Leben, eine Hoffnung über dieses Leben und diese Welt hinaus.
Martin Lercher
ZUR PERSON
Am 30. Juni 1957 in Riedenburg an der Altmühl geboren; 1977 Eintritt ins Priesterseminar Regensburg; Theologiestudium an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom; 1983 Priesterweihe; Fortsetzung der Studien und Promotion in Rom (1990); ab 1989 Spiritual des Priesterseminars Regensburg; 2007 Ernennung zum Monsignore durch Papst Benedikt XVI.; am 7. Juni 2015 Bischofsweihe in Regensburg.

