Liebe Bischöfe Joseph und Beatus, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Ordensleute, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Weihekandidaten Ditrick, Jordan, Oscar, Madhu, Reuben und Vicent!
Es gibt Tage und Ereignisse, die Geschichte schreiben.
Unsere Diözese Bozen - Brixen, die im Laufe ihrer Geschichte dreimal ihren Namen gewechselt hat, reicht in ihren Anfängen fast 1500 Jahre zurück. Dieser Brixner Dom ist seit Jahrhunderten der liturgische Mittelpunkt unserer Diözese. Generationen von gläubigen Menschen haben hier gebetet und gesungen, das Wort Gottes gehört, die Eucharistie gefeiert, Sakramente empfangen und so den Glauben bekannt. Viele Priester- und Diakonenweihen hat dieser Dom schon erlebt. Bischofsweihen und Bischofsbegräbnisse gehören zur Geschichte dieses Domes. Aber heute erlebt dieser Dom mit seiner jahrhundertelangen Glaubensgeschichte eine Premiere.
Dieses Bild hat es in diesem Dom und in unserer Diözese noch nie gegeben: Es werden sechs Priesteramtskandidaten zu Diakonen geweiht. Keiner ist aus unserer Diözese. Fünf von ihnen kommen aus Tansania. Einer kommt aus Indien.
Öffnen wir uns mit Herz und Verstand für dieses Bild und für die Wirklichkeit, die es zum Ausdruck bringt: Sechs junge Männer aus anderen Erdteilen. Sechs Lebensgeschichten. Sechs Berufungen.
Und wir alle sind jetzt hier: Menschen aus verschiedenen Kontinenten, mit verschiedenen Sprachen, Kulturen und Traditionen – und doch ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, eine Kirche.
Ein Zeichen, das mich innerlich bewegt. Ein Zeichen dafür, dass die Kirche Jesu Christi größer ist als unsere Grenzen. Größer als Europa. Größer als Afrika. Größer als Asien. Immer größer als das Eigene.
Heute erleben und feiern wir hier im Brixner Dom ein starkes Zeichen gegen jede Form von Abschottung. Ein Zeichen gegen die Versuchung, nur die eigene Kultur, die eigene Sprache und die eigene Erfahrung für das Maß aller Dinge zu halten. Die Kirche wird nicht kleiner, wenn verschiedene Kulturen zusammenkommen. Sie wird reicher. Und sie wird glaubwürdiger, wenn wir nicht nur von weltweiter Kirche sprechen, sondern sie tatsächlich miteinander zu leben versuchen – auch mit allen Fragen und Spannungen, die damit verbunden sind.
Liebe Weihekandidaten! Ihr seid nicht nach Brixen gekommen, um eure Heimat hinter euch zu lassen. Ihr bringt eure Heimat mit. Ihr bringt Tansania und Indien mit. Ihr bringt eure Familien mit. Ihr bringt den Glauben eurer Mütter, Väter und Großeltern mit. Ihr bringt eure Sprachen, eure Erfahrungen, eure Freude, eure Fragen und auch die Geschichte eurer Stämme und Völker mit.
Gerade darin liegt etwas zutiefst Katholisches.
Die Kirche verlangt nicht, dass alle Menschen gleich werden. Die katholische Kirche ist keine Einheitskirche und noch weniger eine Nationalkirche, in der alle dieselbe Sprache sprechen, dieselben Lieder singen und dieselben kulturellen Erfahrungen haben müssen. Ihre Einheit kommt von Christus. Nicht von der Gleichheit unserer Kulturen. Nicht von unserer Herkunft. Nicht von unserer Hautfarbe. Nicht von unserer Nationalität. Sondern von Jesus Christus.
Liebe Weihekandidaten, ich darf euch in dieser Stunde, im Auftrag eurer Bischöfe, zu Diakonen weihen. Das Wort „Diakon“ bedeutet: Diener. Das ist kein Titel. Es muss das Programm eures Lebens sein – jetzt und auch später. Der Diakon ist ein Sakrament, er verweist auf den dienenden Christus. Sein Dienst gilt dem Wort Gottes, der Liturgie und der Liebestätigkeit.
Das sind nicht drei verschiedene Dinge. Es ist ein einziger Dienst:
Der Altar und die Straße gehören zusammen.
Die Eucharistie und die Caritas gehören zusammen.
Das Evangelium und das konkrete Leben der Menschen gehören zusammen.
Heute, am 4. Oktober, feiern wir den heiligen Franz von Assisi, genau 800 Jahre nach seinem Tod in den Abendstunden des 3. Oktobers 1226, in der Nähe der Portiunkula - Kapelle, dem Mutterkirchlein der franziskanischen Bewegung. Franziskus war ein begabter, aufgeweckter, lebensfroher junger Mann. Er suchte Größe, Anerkennung und Abenteuer. Ein Kind seiner Zeit, begeistert von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Idealen seiner Zeit. Dann kam die Begegnung mit Christus, die sein Leben nicht mehr los ließ. Der Schlüssel zu ihm ist sein Staunen über Gott, der sich in Jesus klein macht im Geheimnis der Krippe, des Kreuzes und der Eucharistie, und der so unser aller Diener sein will.
In San Damiano – wir haben im vergangenen Juli gemeinsam dieses Kirchlein in Assisi besucht - hörte er den Auftrag: „Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf.
Er verstand diesen Auftrag zunächst ganz konkret. Eine zerfallende Kirche sollte wieder aufgebaut werden. Aber mit der Zeit erkannte er: Christus meint mehr. Nicht nur Steine sollen aufgebaut werden. Menschen sollen wieder aufgerichtet werden. Vertrauen, Hoffnung, Frieden, Versöhnung sollen wieder aufgebaut werden. Die Kirche selbst soll immer wieder neu zu ihrem Herrn zurückfinden.
Liebe Weihekandidaten, wenn ihr jetzt gleich nach vorne tretet und euch auf den Boden legt, während die Allerheiligenlitanei gesungen wird, dann sagt ihr mit eurem ganzen Körper: Ich will nicht mich selbst in den Mittelpunkt stellen. Ich stelle mein Leben Christus zur Verfügung.
So möchte ich euch heute im Geist des heiligen Franziskus vier Worte mitgeben.
Erstens: Baut die Kirche auf – aber beginnt bei Christus. Ihr werdet nicht die Kirche retten. Das tut Christus. Ihr dürft ihm und seiner Kirche dienen. Bleibt deshalb Menschen des Gebetes. Wenn das Gebet schwach wird, wird auch der Dienst irgendwann leer.
Zweitens: Baut Brücken. Ihr kommt aus einer Weltkirche, die euch selbst schon zu einer lebendigen Brücke macht. Seid Brücken zwischen Kulturen und Kontinenten, zwischen Jung und Alt, zwischen Kirche und Gesellschaft, zwischen Menschen, die sich nicht mehr verstehen.
Der Platz eines Diakons ist dort, wo die Einheit wieder aufgebaut wird, wo Menschen wieder zusammenfinden – nicht dort, wo Trennung und Spaltung geschehen.
Drittens: Baut die Hoffnung auf. Unsere Zeit kennt viel Angst. Angst vor der Zukunft. Angst vor Veränderungen. Angst vor dem Fremden. Angst vor Einsamkeit.
Angst davor, nicht mehr gebraucht zu werden.
Ihr seid gerufen, eine andere Botschaft zu verkünden: Christus ist da. Das Evangelium ist keine Botschaft der Angst. Es ist die Botschaft, dass Gott den Menschen nicht aufgibt.
Viertens: Baut euch selbst immer wieder neu auf. Ihr werdet nicht vollkommen sein. Ihr werdet Fehler machen. Ihr werdet müde werden. Es wird Tage geben, an denen ihr euch fragt, ob euer Dienst etwas bewirkt. Dann denkt an den heiligen Franziskus. Er wollte nicht seinen eigenen Erfolg verwirklichen. Er wollte kein Protagonist sein. Er wollte Christus nachfolgen. Das genügt.
Liebe Schwestern und Brüder, uns allen gilt heute das Wort: „Franziskus, geh und baue meine Kirche wieder auf.“ Denken wir nicht zu schnell: Die anderen müssen sich ändern. Die Gesellschaft muss sich ändern. Die Politik muss etwas tun. Die Jugend muss wiederkommen. Die Familien müssen mehr glauben.
Christus sagt heute durch Franziskus zu uns ganz persönlich: Fang bei dir an. Die Erneuerung der Kirche beginnt nicht bei Programmen und Reformen, die wir von anderen fordern. Sie beginnt bei erneuerten Herzen.
Liebe Weihekandidaten, geht euren Weg. Vergesst eure Heimat nicht. Vergesst eure Berufung nicht. Vergesst die Menschen am Rand nicht. Vergesst die Freude nicht. Und vor allem: Vergesst Christus nicht. Wenn ihr ihn nicht aus den Augen verliert, werdet ihr lernen, was es bedeutet, ein Diakon zu sein – auch später als Priester.
Stellvertretend für uns alle bete ich an diesem festlichen Tag: Herr, mach uns wie Franziskus zu Werkzeugen deines Friedens. Baue auch durch uns die Kirche auf, die nicht europäisch, nicht afrikanisch, nicht asiatisch, nicht amerikanisch und nicht ozeanisch ist, sondern deine Kirche und damit die Kirche, die zu allen Menschen gesandt ist.
Maria, Mutter der ganzen Kirche, Rosenkranzkönigin und Erste unter allen Heiligen, bitte für Ditrick, Jordan, Oscar, Madhu, Reuben und Vicent. Bitte für ihre Familien und Heimatdiözesen. Bitte für uns.
