Aufgrund der Fülle und Vielfalt religiöser Angebote kann man von einer „Zeit der Sinnflut“ reden; andererseits von einer „Zeit des religiösen Indifferentismus“, da viele dem Glauben gleichgültig gegenüberstehen. Beide – die „Sinnflut“ als auch die religiöse Gleichgültigkeit – stellen große pastorale Herausforderungen dar; im Folgenden soll auf die den religiösen Indifferentismus eigens eingegangen werden.
Was fehlt, wenn Gott fehlt?
„Jesus ist konkurrenzlos, seine Botschaft ist tragend, heilend, erfüllend, und das Kirchenjahr bietet einen Weg, um in dieser Beziehung zu Jesus zu wachsen.“ Der Großteil jener Personen, die diesen Text lesen, wird all dem zustimmen. Aber was, wenn Jesus gar nicht (mehr) interessiert und im Leben vieler Menschen keine Rolle (mehr) spielt? Wenn Kinder und Jugendliche zwar ab und zu von Jesus hören, ihn aber nicht erfahren? Wenn immer mehr Menschen religiös heimatlos und als religiöse Analphabeten aufwachsen?
Jene Personen, die religiösen Fragen gleichgültig gegenüberstehen, sind die am schnellsten wachsende Gruppe in Südtirol. Viele sind mit Gott einfach fertig. Dabei liegt bei den wenigsten eine atheistische Überzeugung zugrunde; sie stehen dem Glauben vielmehr gleichgültig gegenüber. „Es geht auch ohne“; sie verneinen die Existenz Gottes nicht, aber für ihr Tun und Lassen ist es irrelevant, ob Gott existiert.
Entkirchlichung
Der Bedeutungsverlust der institutionell verfassten Kirche ist spürbar und wird künftig noch viel deutlicher ausfallen. Der fortschreitende Relevanzverlust der Religion in vielen Bereichen des menschlichen Lebens und in der Gesellschaft geht auf die europaweit festzustellende Tendenz zurück, wonach Transzendenz irrelevant wird – und egal was wir als Kirche tun, diese Säkularisierung ist stärker, ist ein Trend, den wir nicht stoppen werden.
Immer mehr Menschen verabschieden sich still und leise von der Kirche; genauso still wird es in den Pfarreien - nicht nur wegen der fehlenden Priester, sondern auch wegen der fehlenden Gläubigen. Eine steigende Zahl von Schafen laufen der sinkenden Zahl von Hirten davon, weil sie kein Teil einer Herde sein wollen und keine Hirten brauchen, die sagen, was (nicht) zu tun ist.
Entchristlichung
Führt diese Entkirchlichung auch zur Entchristlichung, d.h. zum Rückgang des christlichen Glaubens und seiner Einflussnahme auf das persönliche und das öffentliche Leben? Gegenwärtig ist dies noch nicht festzustellen, denn es gibt ein wachsendes „Christentum außerhalb der Kirche“. Immer mehr Menschen haben sich von der Institution Kirche verabschiedet, leben aber (noch) christliche Werte im Alltag. Dass die Entkirchlichung langfristig gesehen aber auch zur Entchristlichung führen wird, ist naheliegend und anzunehmen.
Pastoral der Zukunft
Es geht nicht um „Kirchenapokalyptik“, vielmehr erfährt die Kirche einen Wandel. Es gibt bereits viele gute Impulse und Ideen, die darauf reagieren, aber keine führt zurück in die „gute alte Zeit“, sondern muss dem Schreiten in die Zukunft(sfähigkeit) dienen.
Ist die Pfarrei von morgen ein Gourmetrestaurant, wo das Angebot nur mehr auf einige wenige abgestimmt ist, die um die Qualität wissen und diese wertschätzen? Oder ist die Pfarrei wie ein „Vinzibus“, dessen Adressatenkreis die Bedürftigen sind? Oder doch eine Mensa, die ein Angebot hat, das möglichst allen schmeckt und allen gerecht wird?
Die Kirche ist „Zeichen“, d.h. sie weist weg von sich selbst hin zu Gott und sie ist „Werkzeug“, d.h. sie verweist nicht nur auf Gott, sondern in ihr und durch sie verwirklicht sich das, wofür die Kirche Zeichen ist: Die Gemeinschaft von Gott und Menschen sowie der Menschen untereinander.
Die gegenwärtigen Formen kirchlicher Seelsorge erreichen die nächsten Generationen oft nicht mehr. Die Pastoral der Zukunft wird deshalb erfahrungsorientierter und sozialer sein müssen.
Es wird in der Pastoral zwei Schwerpunkte brauchen:
- Die Seelsorge für jene, die „zum Kern“ gehören und
- die Pastoral für jene,
- die sich von der Kirche entfernt haben, weil ihnen die Kirche nichts gibt oder nur ab und zu mit der Kirche in Kontakt treten (Weihnachten, Allerheiligen, Beerdigung);
- die sich von der Kirche entfernt haben, weil sie auf der Suche nach Spiritualität sind und außerhalb der Kirche nach Antworten auf ihre Glaubens- und Lebensfragen suchen;
- die die Kirche noch nicht kennen.
Die Herausforderung der Pastoral wird darin bestehen, in beide Bereichen richtig zu investieren – und nicht, wie es derzeit der Fall ist, sich fast ausschließlich auf den ersten Schwerpunkt zu fokussieren.