Wenn ich heute auf diese 15 Jahre zurückblicke, denke ich nicht zuerst an Ereignisse, sondern an Gesichter. An Menschen, die mich begleitet haben, die mir vertraut haben, an Menschen, denen ich begegnet bin und auf die ich zählen konnte. An Menschen, die mir widersprochen haben, die mich an ihrem Schmerz teilhaben ließen, mit denen ich mich freuen konnte. An Menschen, die mir geholfen haben und von denen ich lernen durfte. Sie haben mir gezeigt, was es heißt, aus dem Glauben zu leben.
Bei all diesen Begegnungen und Erfahrungen ist für mich eines entscheidend geblieben: Die Kirche lebt nicht davon, dass wir alles machen. Sie lebt davon, dass Christus sie in der Kraft seines Geistes führt. Er selbst hat uns das versprochen. Daran halte ich mich fest.
„Du bist der Christus.“
Dieses Bekenntnis des Petrus begleitet mich seit jenem Tag. Es ist dasselbe Bekenntnis, das ich schon bei meiner Priesterweihe vom Apostel Paulus übernommen habe: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“
Du bist der Christus. Du bist der Herr der Kirche. Nicht wir müssen und können die Kirche retten. Nicht wir müssen ihre Zukunft gestalten. Wir dürfen säen, begleiten und ermutigen. Wir dürfen manchmal auch weinen über das, was uns Sorgen macht und worauf wir keine Antwort haben. Wir dürfen säen, aber wachsen lassen kann nur Gott.
„Führe du mich, gütiges Licht, mitten durch das Dunkel, das mich umgibt“, betete der heilige Kirchenlehrer John Henry Newman.
Er ist der Jüngste im Kreis der nun 38 Kirchenlehrer und Kirchenlehrerinnen, die diesen Ehrentitel tragen dürfen. Heute ist sein Gedenktag. Sein Lebensweg, der ihn von der anglikanischen zur katholischen Kirche führte, war ein Weg des Suchens, des Ringens und des Vertrauens. Er wollte nicht einfach Sicherheiten besitzen. Er wollte sich von Gott führen lassen.
Auch wir kennen den Weg, der vor uns liegt, nicht. Wir wissen nicht, was die kommenden Jahre bringen werden. Wir wissen nicht, welche Herausforderungen auf unsere Diözese, auf unsere christlichen Gemeinden, auf unsere Familien, auf unsere Gesellschaft und auf jeden Einzelnen zukommen. Aber wir müssen auch nicht alles wissen.
Glauben bedeutet nicht, immer den ganzen Weg vor sich zu sehen. Glauben bedeutet, den nächsten Schritt zu tun und darauf zu vertrauen, dass Gottes Licht ausreicht, um diesen Schritt gehen zu können.
In diesem Sinn steht der heutige Tag zwischen zwei Haltungen: Dankbarkeit und Hoffnung. Die Dankbarkeit blickt zurück und sagt: „Herr, du warst da.“ Die Hoffnung blickt nach vorne und sagt: „Herr, du wirst da sein.“ Dazwischen liegt unser Heute, in dem wir gerufen sind, treu zu sein.
Gerade das brauchen wir heute besonders. Wir müssen nicht alles Vergangene zurückholen. Wir müssen auch nicht mit Angst in die Zukunft blicken. Wir dürfen vertrauen und den Menschen nahe sein. Denn am Ende zählt nicht, wie groß unsere Strukturen sind oder welche Erfolge wir vorweisen können. Entscheidend ist, ob die Menschen durch uns die Nähe Christi erfahren können.
Dann wird die Kirche zu dem, was sie sein soll: ein Sakrament, ein Werkzeug, ein Zeichen der Gegenwart Gottes unter den Menschen. Nicht das Ziel, sondern der Weg.
Viele Bilder gehen mir heute durch Kopf und Herz. Heute will ich mein Ja erneuern. Ein Ja, das schlicht ist wie damals, aber seither gereift und getragen von vielen Erfahrungen.
Danke für den Weg. Danke für die Menschen. Danke für deine Kirche. Danke auch für die Gnade, die verborgen geblieben ist und die wir vielleicht erst später verstehen werden.
Und dann bitte ich mit dem heutigen Tagesheiligen, dem Kirchenlehrer John Henry Newman:
Führe du mich, gütiges Licht. Führe uns als Kirche in Verbundenheit mit dem Petrus von heute, Leo XIV. Führe unsere Ortskirche. Führe die Menschen, die uns anvertraut sind. Führe auch jene, die sich schwertun mit dir und deiner Kirche. Führe auch jene, die mit dir und deiner Kirche nichts mehr zu tun haben wollen.
Auch sie sind dein.
Und wenn das Licht manchmal nur für den nächsten Schritt reicht, dann lass uns diesen Schritt im Vertrauen gehen.
Wir wissen nicht alles. Wir wissen nur eines: Du bist der Christus. Du warst da, du bist heute da und du wirst morgen da sein.
Deshalb blicken wir dankbar zurück. Deshalb leben wir die Gegenwart in Hoffnung und gehen mit Vertrauen in die Zukunft. Nicht weil wir alles wissen, sondern weil du mit uns bist.
Dir gilt unser Dank. Dir gehört unser Vertrauen. Auf dich setzen wir unsere Hoffnung.
Du bist unsere Freude.
Und dir, Maria, Mutter des Herrn und der Kirche, danke ich heute, weil du mir so viel bedeutest, weil ich deine Nähe oft erfahren durfte und weil du nicht aufhörst, mir deinen Sohn zu zeigen.
Bitte für uns, bitte für mich.
