Was bedeutet es heute, als Eremit zu leben? Welche Rolle spielen Gebet, Einsamkeit und Einfachheit? Und wie kann ein Leben im Rückzug zugleich ein Dienst an der Kirche und an den Menschen sein? Mit diesen und weiteren Fragen setzt sich Fratel Massimiliano in seinen Beiträgen auseinander.
Zum Auftakt geht es um eine grundlegende Frage: Wer ist der Diözesan-Eremit? Fratel Massimiliano beschreibt den Eremiten als einen „Einsamen Gottes“, der sich nicht von der Welt abwendet, sondern sich bewusst aus ihrem Lärm zurückzieht. Gerade diese Konzentration auf die Beziehung zu Gott soll ihn offen machen für die Menschen, denen er begegnet, und für die Ortskirche, in der sein eremitisches Leben verankert bleibt.
Wer ist der Diözesan-Eremit?
Von Fratel Massimiliano de Franceschi
Angesichts einer „Neuheit“ ist es oft gut, ganz von vorne anzufangen. Die Frage „Wer ist der Diözesan-Eremit?“ sollte eigentlich die erste sein, die sich jemand stellt, der zum ersten Mal davon hört. Doch fast immer kommt stattdessen die Frage: „Was macht ein Eremit?“ Dahinter steht meist eine Vorstellung, die zwischen Romantik und Legende schwankt.
Dieser Unterschied ist bezeichnend für unsere Zeit, in der das „Tun“ in einer Kultur der Leistung und des Erfolgs scheinbar jeden nur möglichen Raum einnimmt. Dabei wird leicht vergessen, dass am Anfang von allem das steht, was wir sind oder zu sein versuchen. Daraus ergeben sich dann unsere Entscheidungen und unser Handeln, im Guten wie im Schlechten.
Aus diesem Grund möchte ich in diesem ersten Beitrag kurz darauf eingehen, in welchem Sinn ich mich persönlich dazu verpflichtet habe, heute und konkret in unserer Ortskirche als Diözesan-Eremit zu leben. Dabei greife ich auch einige Formulierungen auf, denen ich im Laufe der Zeit begegnet bin und die Teil meiner Lebensweise geworden sind, oder zumindest Teil des Menschen, Priesters und Geweihten, der ich immer mehr zu werden versuche.
Die erste „Definition“, die für mich eine außergewöhnliche Kraft und Anziehung besitzt, ist jene des Eremiten als „Einsamer Gottes“. In einer Gesellschaft, die auf große Zahlen blickt und Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei Veranstaltungen zählt, bedeutet die Rückkehr zum Einzelnen für mich einerseits, der Einzigartigkeit jedes Menschen wieder mehr Raum zu geben. Vor allem aber geht es darum, jene einzigartige und persönliche Beziehung wieder ins Zentrum zu rücken, zu der wir mit Gott berufen sind.
Dieser letzte Aspekt ist für jeden Getauften von besonderer Bedeutung, vor allem dann, wenn er in einer Pfarrgemeinde lebt und erst recht, wenn er dort einen konkreten Dienst übernimmt. Ein solcher Dienst muss aus einer authentischen Beziehung zu Christus erwachsen und zu einer immer engeren und fruchtbareren Beziehung zu Gott führen.
Dass der Eremit danach strebt, ein „Einsamer Gottes“ zu sein, bedeutet nicht, dass er vor seinen Brüdern und Schwestern fliehen will. Vielmehr möchte er vor allem anderen eine starke und ausschließliche Zugehörigkeit zu Gott leben, zu jenem „eifersüchtigen“ Gott, der uns, wenn er uns zu sich ruft, nicht loslässt, auch wenn er unsere Freiheit respektiert, andere Wege zu gehen, manchmal sogar weit von ihm entfernt.
Gerade in dieser ausschließlichen Zugehörigkeit versucht der Eremit, Ablenkungen zu meiden und einen inneren Raum zu schaffen, in dem er seinen Dialog mit Gott bewahren kann. Dadurch soll er zugleich jeden Menschen, dem er begegnet, wirklich aufnehmen und ihm die notwendige Aufmerksamkeit schenken können.
Der Eremit flieht also nicht vor der Welt. Er zieht sich vielmehr vom Lärm der Welt zurück und bleibt dabei bewusst Teil der Ortskirche, die ihn aufnimmt und für die er bereit ist, sein Leben hinzugeben, wenn auch auf eine ganz besondere Weise.
Ein weiterer Aspekt, der für mich von großer Bedeutung ist, ist das Leben „am Rande“, das natürliche Dasein an der Grenze. Darin ähnelt der Eremit dem Pilger, der in den Gebieten, die er durchquert, immer auch ein Fremder bleibt, und vor allem dem Menschen, der auf der Suche nach Gott ist.
Der Eremit ist zwar fest in einer langen Glaubenstradition verwurzelt, die ihm vorausgeht. Zugleich verteidigt er keine einmal erworbenen Positionen. Vielmehr lässt er sich immer wieder von den Fragen ansprechen, die in seinem Herzen aufsteigen und die ihm das Leben stellt, auch durch die Begegnung mit Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen an seine Tür klopfen.
Papst Leo XIV. hat am 11. Oktober 2025 zu den italienischen Eremiten beim Jubiläum des geweihten Lebens Worte gesagt, die für mich einen ihrer Dienste an Kirche und Menschheit besonders gut zum Ausdruck bringen: Sie können andere dazu anregen, in sich selbst zurückzukehren und den Mittelpunkt des Herzens wiederzufinden. Dort kann jeder Mensch jene Sehnsucht nach Gott entdecken, die in ihm lebt, und lernen, sie zu nähren.
So verstehe ich den Diözesan-Eremiten: als Hüter und Zeugen, still und verborgen, aber deshalb nicht abwesend.

