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Vorträge & Ansprachen

Mut zum Hinsehen - Feier im Bozner Dom (deutschsprachige Version)

Bischof Ivo Muser

Donnerstag, 12. März 2026

Bozner Dom

Liebe Schwestern und Brüder,

Cari sorelle e fratelli, 

 

es ist ein besonderer Gottesdienst, den wir heute hier zusammen mit Betroffenen sexuellen Missbrauchs im Verantwortungsbereich der Kirche von Bozen-Brixen feiern. Wir tun dies nicht irgendwo und nicht irgendwann.

Wir tun es bewusst hier im Bozner Dom, der Konkathedrale unserer Diözese. Es soll damit zum Ausdruck kommen, dass wir alles uns Mögliche versuchen wollen, Betroffenen von Missbrauch und deren Anliegen die Aufmerksamkeit entgegenzubringen, die ihnen zusteht und die ihnen oft vorenthalten, wenn nicht sogar verweigert wurde. 

Wir feiern diesen Gottesdienst in der Fastenzeit, jener Zeit, die seit jeher die Zeit des Bekenntnisses von Schuld und Versagen ist, von Reue, Umkehr, Buße und Sühne. In dieser Zeit gedenken wir auch in besonderer Weise des Leidens Christi und all jener Menschen, die Unrecht erlitten und erleiden, nicht zuletzt im Raum der Kirche. Die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden, aber auch einzelne Verantwortungsträger, mich persönlich eingeschlossen, sind ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden, Menschen vor Missbrauch zu schützen. 

Ich habe lange überlegt, ob wir diesen Gottesdienst heute feiern können, weil ich mich immer wieder gefragt habe, werde ich, werden wir als Gemeinschaft der Kirche, jetzt unserer Aufgabe gerecht? Ich versuche es nach allen Kräften, hole mir Unterstützung, lasse mich beraten und doch weiß ich auch, dass nicht alles gelingt, dass noch vieles zu tun, noch einiges aufzuarbeiten und manches zu verändern ist. Wirkt vor diesem Hintergrund ein solcher Gottesdienst wie heute dann nicht wie eine schlechte Beruhigungspille, die mit frommen Worten von den eigentlichen Problemen nur ablenkt und die Schwierigkeiten, die teilweise nach wie vor bestehen, einfach nur zudeckt?

Das will ich auf keinen Fall. Als gläubiger Mensch möchte ich wie alle anderen gläubigen Menschen mit dem Glauben nicht vor der Realität weglaufen, sondern mit seiner Hilfe besser, offener, ehrlicher, mutiger, differenzierter mit der Realität umgehen. Der Glaube nimmt nichts von meiner und unserer Verantwortung weg, er verdeutlicht nur umso mehr: die Verantwortung für Aufklärung, Aufarbeitung, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung, und so weit als möglich Heilung.

Der heutige Gottesdienst wird im Blick auf die Missbrauchsthematik in unserer Diözese und unserer Kirche nicht alle Probleme beseitigen, alle Spannungen auflösen, alle Unklarheiten bereinigen, allen Schmerz, alle Wut in Luft auflösen. Dafür reicht er nicht. Aber er soll im Angesicht Gottes öffentlich verbindlich markieren, dass Veränderung geschieht, dass nachhaltige Entwicklungen im Sinne der Betroffenen ins Laufen kommen und trotz so mancher Rückschläge nicht mehr aufzuhalten sind.

 

Meditation des Bischofs ( zu Mt 26,36ff und 26,69ff)

Mich beschäftigt an vielen, an sehr vielen Tagen der Gedanke, dass mich nicht viel von Petrus unterscheidet, der im Garten Getsemani einen Teil des Leidens Jesu einfach verschlafen und im Hof des Hauses des Hohenpriesters Jesus dreimal verraten hat. Das Leiden der Missbrauchsopfer im Verantwortungsbereich der Kirche sind die Leiden Jesu, der auf ihrer Seite steht. Wir aber, auch als Diözese, haben oft nicht auf dieser Seite gestanden. Auch ich habe das Leid von Missbrauchsbetroffenen nicht immer richtig eingeschätzt, und habe nicht das richtige Verhältnis zwischen der Sorge um die Betroffenen und der Sorge um die Missbrauchstäter gefunden, manches bin ich zu zögerlich, zu langsam angegangen. Betroffene haben sich dadurch vernachlässigt und von der Kirche verraten gefühlt. Das tut mir aufrichtig leid und dafür bitte ich um Vergebung. 

Verloren gegangenes Vertrauen kann man nicht einfach wieder herstellen. Man kann es weder anordnen noch kaufen, weder erzwingen noch erbetteln. Man muss es sich verdienen und es muss sich entwickeln können. Als Petrus sein Versagen klar wurde, heißt es in der Schrift, dass er hinausging und bitterlich weinte. Er beließ es aber nicht beim Weinen, sondern kam ins Handeln. Er tat das, was ihm Jesus aufgetragen hatte. Er verkündete die Frohe Botschaft, machte sich auf zu den Menschen, stellte sich ihren Anfragen, ihrer Kritik und ihren Nöten. Trotz seiner Schwächen konnte er dennoch einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass der Glaube, die Hoffnung und die Liebe Jesu weitergetragen werden konnten. 

Das macht mir Mut, trotz meiner Schwächen, meiner Berufung als Priester und Bischof entsprechen zu können und allen in unserer Diözese Mut zu machen, weiter an sich und an Veränderungen zu arbeiten. 

Petrus konnte seinen Dienst und seine Sendung nur in Gemeinschaft mit den anderen Jüngern, Freunden und Unterstützern Jesu erfüllen. Ich kann das Meinige nur in Gemeinschaft mit dem gesamten Volk Gottes hier in der Diözese Bozen-Brixen erfüllen. Wir brauchen einander!  Ich danke für die bisherige Weggemeinschaft. Besonders danke ich den Betroffenen und jenen, die sie unterstützt haben und unterstützen. Ich spreche ihnen meinen Respekt, meine Nähe und meine aufrichtige Anerkennung aus. Ohne ihre direkte Kritik in Person und Sache, ohne ihre Hartnäckigkeit, ohne ihre Bereitschaft, ihre Wunden zu zeigen, wäre in den letzten Jahren weit weniger geschehen, um Missbrauch aufzuarbeiten. Ihr Schmerz und ihre Größe müssen mich und uns alle demütig machen und uns auch beschämen. Ich werde alles mir Mögliche versuchen, dass wir als Gemeinschaft unserer Diözese dem gerecht werden. So wahr mir Gott helfe.