Erlaubt mir zu Beginn ein Gedankenexperiment. Stellen wir uns vor, wir müssten heute an einem Ort, an dem es noch keine christliche Gemeinde gibt, neu beginnen. Keine gewachsenen Strukturen, keine Pfarrei, keine Gremien – nur eine kleine Gemeinschaft von Menschen, die Christus begegnet ist und aus dem Evangelium leben möchte. Womit würden wir beginnen?
Wir würden vermutlich nicht sofort Strukturen und Organisation aufbauen, so wichtig das auch ist, sondern wir würden uns als erstes versammeln, das Wort Gottes hören, beten, Gott danken und das Brot brechen. Mit einem Wort: Wir würden Gottesdienst feiern – nicht als Dienstleistung für andere, sondern aus unserem eigenen Bedürfnis nach der Begegnung mit Christus in Wort und Sakrament.
Dieses Gedankenexperiment verweist auf einen grundlegenden Sachverhalt: Kirche entsteht aus der Begegnung mit Christus und lebt zuerst aus dem, was sie empfängt. Darum ist Liturgie nicht ein pastorales Handlungsfeld unter vielen, sondern der Ort, an dem wir Christus begegnen, unsere Sendung empfangen und immer neu unsere Mitte finden. Die Frage nach der Liturgie ist die Frage nach der Quelle kirchlichen Lebens.
Woher bekommen wir die Kraft? Diese Frage hat heute besondere Dringlichkeit: Unsere Gottesdienstgemeinden werden kleiner, ganze Generationen fehlen vielerorts. Es ist schwierig geworden, Menschen zu finden, die sich aktiv einbringen, und viele Menschen fragen mit Sorge nach der Zukunft ihrer Gemeinden. Angesichts dieser Entwicklungen richten wir unseren Blick häufig zuerst auf Strukturen. Wir diskutieren über pastorale Räume, Zusammenarbeit und Strukturen. Diese Fragen sind notwendig. Sie sind aber nicht die erste Frage. Die erste Frage lautet: was nährt und stärkt unseren Glauben?
Organisation kann kirchliches Leben unterstützen; hervorbringen kann sie es nicht. Viele Menschen haben den Zugang zur Sprache des Glaubens und damit zur christlichen Deutung ihres Lebens verloren – längst auch im innersten Kreis der Engagierten. Erneuerung beginnt dort, wo wir gemeinsam neu lernen, unser Leben im Licht des Evangeliums zu verstehen und die Begegnung mit Christus mit anderen zu teilen.
Liturgie als Schule des Hörens
Die Liturgie steht in der Mitte dieser Erneuerung. Denn ihr tiefster Sinn ist – wie die Emmauserzählung zeigt – die Begegnung mit Christus, der uns im Wort den Sinn unseres Lebens erschließt und sich uns im Sakrament schenkt. Hier empfangen wir unsere Sendung. Die Liturgie lehrt uns zu hören und schützt uns vor einem Aktivismus, der den Erfolg kirchlichen Handelns an Organisation, Effizienz oder der Zahl der Angebote misst. Kirche lebt nicht deshalb, weil sie viel tut, sondern weil sie sich immer neu von Christus sammeln und senden lässt.
Damit Liturgie zur Schule des Hörens wird, müssen Wort und Sakrament so gefeiert werden, dass Menschen sie verstehen und innerlich mitvollziehen können. Eine würdige, verständliche und zeitgemäße Gestaltung der Liturgie ist darum ein Gebot unserer Stunde. Ich lade alle Priester, Diakone und Verantwortlichen ein, sich weiterzubilden, ehrliches Feedback einzuholen und die eigene liturgische Praxis gemeinsam zu reflektieren. Die Liturgie will gepflegt sein, damit sie ihren Glanz entfalten kann.
Liturgie in Einheit und Vielfalt feiern
Doch was verleiht der Liturgie ihren Glanz? Immer wieder entzünden sich liturgische Auseinandersetzungen an der Frage nach der Tradition. Dahinter steht eine grundlegendere Frage: Was verstehen wir überhaupt unter Tradition? Bedeutet sie die unveränderte Bewahrung einer bestimmten geschichtlichen Gestalt? Oder bedeutet sie die möglichst vollständige Anpassung an den Zeitgeist? Beides greift zu kurz. Bei der Generalaudienz am vergangenen 26. August sagte Papst Leo XIV.: “La liturgia, infatti, essendo una realtà viva, è sempre stata soggetta lungo i secoli a sviluppi e cambiamenti. Il Magistero ne ha adattato le forme alle esigenze delle diverse epoche. Non sorprende allora che anche il Concilio Vaticano II, con il massimo rispetto per il patrimonio della tradizione, e proprio al fine di renderlo maggiormente fruibile, abbia ritenuto necessaria una revisione dei libri liturgici.”
Auch die jüngste Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre zum gerechten Krieg in der Enzyklika Magnifica humanitas zeigt, dass Tradition nicht Stillstand bedeutet. Unter der Führung des Heiligen Geistes wächst die Kirche zu einem tieferen Verständnis des Evangeliums.
Mit diesem Verständnis lassen sich auch manche liturgischen Spannungen unserer Diözese besser einordnen. Besonders deutlich zeigt sich das in der Diskussion um das Verhältnis von Eucharistie- und Wortgottesfeier.
Wie in so vielen Fragen liegt die Antwort nicht im „entweder- oder“, sondern im „sowohl als auch“. Die berechtigten Anliegen müssen zusammengesehen und miteinander verbunden werden. Die Richtlinien für die Liturgie in den Seelsorgeeinheiten, die ich 2020 in Kraft gesetzt habe, leisten diesen Ausgleich nach wie vor. Sie können uns helfen, ideologische Konflikte vor Ort zu vermeiden und einen gemeinsamen Weg zu gehen. Ich erinnere an die Eckpunkte dieser Regelung.
Erstens: Die Gottesdienstordnung ist nicht Sache der einzelnen Pfarrei, sondern eine solidarische Aufgabe auf Ebene der Seelsorgeeinheit. Die Pfarreien koordinieren sich auf Ebene der Seelsorgeeinheit und gehen dann gemeinsam ihren Weg.
Zweitens: Es gibt einen verlässlichen eucharistischen Hauptort der Seelsorgeeinheit, eine Pfarrei, in der als Dienst für alle zu einer festen Zeit an Sonn- und Feiertagen Eucharistie gefeiert wird. Wiederum gilt der Blick nicht einem vermeintlichen Privileg, sondern einem Dienst an der Gemeinschaft innerhalb der Seelsorgeeinheit. Eine klare eucharistische Mitte wird zur Kraftquelle für die Mission in der Seelsorgeeinheit. Dabei ist es wichtig, dass die Gläubigen, denen es möglich ist, auch bereit sind, diese eucharistische Mitte mitzutragen durch ihre Präsenz und durch ihre Mitgestaltung.
Drittens: Sonntägliche Gottesdienste zu festen Zeiten in allen Pfarreien der Seelsorgeeinheit. Wo dies keine Eucharistiefeier sein kann, ist es eine Wortgottesfeier oder eine andere Feierform. Dabei ist es mir wichtig, dass der ganze Reichtum liturgischen Feierns und Betens ausgeschöpft wird: Wortgottesfeiern, Laudes und Vesper, eucharistische Andachten, das gemeinsame Rosenkranzgebet, der Evensong und alle anderen von der Kirche vorgesehenen Gebetsformen. Auch hier geht es nicht um das Beharren auf der Eigenständigkeit oder Selbstgenügsamkeit, sondern darum, in missionarischer Präsenz vor Ort, mitten unter den Menschen, Christus zu bezeugen.
Wir haben Richtlinien, die eine gute Mitte zwischen den berechtigten Anliegen aufzeigen und im Sinne der lebendigen Tradition eine verantwortete Entwicklung ermöglichen. Entscheidend ist nun, dass wir diese Richtlinien kennen und gemeinsam umsetzen, statt dieselben Grundsatzfragen immer wieder neu zu verhandeln.
Eine weitere brennende Frage ist meine Entscheidung, die Entscheidung meiner Vorgänger Wilhelm Egger und Karl Golser und unserer Diözesansynode, die Wortgottesfeier als eigenständige Form, ohne Kommunionausteilung zu pflegen. Hier möchte ich nochmals bekräftigen: Es geht um die Wertschätzung beider Feierformen in ihrer Eigenheit. Die Eucharistie bleibt Quelle und Höhepunkt des kirchlichen Lebens! In meinem Fastenhirtenbrief 2026 habe ich aus dem 1. Kapitel der Einführung ins Römische Messbuch zitiert: „Als Werk Christi und des hierarchisch gegliederten Volkes Gottes ist die Feier der heiligen Messe für die Welt- und Ortskirche wie auch für jeden einzelnen Gläubigen Mitte des ganzen christlichen Lebens. In ihr findet das Wirken Gottes seinen Höhepunkt…“.
Wir werden der Wortgottesfeier aber nicht gerecht, wenn wir sie lediglich als Ersatz und Notnagel verstehen. Sie hat ihren eigenständigen Wert. Wo die Gemeinde sich versammelt, die Schrift verkündet wird und Menschen gemeinsam beten, begegnet Christus seiner Kirche. Die Würde der Wortgottesfeier liegt deshalb nicht in ihrer Annäherung an die Eucharistie, sondern in ihrem eigenen Auftrag, die christliche Gemeinschaft unter das Wort Gottes zu stellen und sie von dort her zu stärken und zu senden.
Ich weiß, dass das Fehlen der sonntäglichen Eucharistie für viele ein bitterer Verlust ist. Und ich wünsche mir auch, dass wir es als schmerzlich empfinden, wenn wir an unseren Sonn- und Feiertagen nicht mehr die Eucharistie feiern können! Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir gemeinsam der Realität ins Auge schauen. Nur so kann die geistliche Bereitschaft wachsen, dass wir uns den Veränderungen stellen, die uns heute zugemutet sind.
Gerade unter den gegenwärtigen pastoralen Bedingungen eröffnet die Wortgottesfeier auch neue Möglichkeiten. Für viele Menschen kann die gemeinsame Feier des Wortes Gottes zu einem ersten, niederschwelligen Ort der Glaubenserfahrung werden. Deshalb sind die gegenwärtigen Veränderungen nicht als Traditionsbruch, sondern als Einladung zu verstehen, den Reichtum unserer liturgischen Tradition neu zu entdecken und weiterzuentwickeln.
Die Liturgie prägt das Gesicht der Kirche
Mitten in den Veränderungen gilt es, das Wesentliche im Blick zu behalten. Jede liturgische Feier vermittelt ein bestimmtes Kirchenbild. Sie bringt zum Ausdruck, wie wir das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, kirchlichem Amt und gemeinsamer Taufberufung, Leitung und Teilhabe verstehen. Entscheidend ist deshalb nicht allein, ob unsere Feiern liturgisch korrekt oder ästhetisch ansprechend sind, sondern ob in ihnen jene Kirche erfahrbar wird, zu der uns das Evangelium und das Zweite Vatikanische Konzil führen.
Wenn wir von einer synodalen Kirche sprechen, dann muss diese auch in unseren liturgischen Vollzügen erkennbar werden. Wenn wir die gemeinsame Berufung aller Getauften betonen, muss diese in unseren Feiern sichtbar werden. Wenn wir von einer Kirche sprechen, die den Menschen nahe sein will, dann muss sich diese Nähe in unserer Sprache, unseren Gesten und unserer Weise des Feierns widerspiegeln.
Das setzt voraus, dass wir den Menschen zuhören. Am einfachsten geschieht das, indem wir sie an der Gestaltung der Liturgie beteiligen. Wo Familien, junge Menschen und andere Gläubige Verantwortung übernehmen, kommen ihre Erfahrungen und Charismen zur Sprache. Warum sollten wir nicht öfter gemeinsam das Wort Gottes erschließen, Fürbitten aus dem Leben der Gemeinde entstehen lassen oder Menschen an der Verkündigung und Gestaltung der Feier mitwirken lassen? So wächst Liturgie nicht nur für die Menschen, sondern mit ihnen.
Ich möchte ausdrücklich dazu ermutigen, solche Formen gemeinsamer Verantwortung verantwortet zu erproben. Lebendige Tradition bedeutet weder, alles neu zu erfinden, noch alles unverändert zu bewahren. Sie verbindet Treue mit behutsamer Weiterentwicklung. Das ist nur möglich, wenn wir verankert sind im Glauben der Kirche.
So wird Liturgie zu dem, was sie ihrem Wesen nach ist: Feier des ganzen Volkes Gottes. Sie verkündet Synodalität nicht nur, sondern lässt sie erfahrbar werden. Gerade darin liegt ihre missionarische Kraft.
Die Stimmigkeit von Feier und Leben
Die Liturgie erschöpft sich nicht im Moment der Feier. Was wir feiern, prägt unseren Glauben, und was wir glauben, muss in unserem Leben sichtbar werden. Zwischen Feier und Leben besteht ein unauflöslicher Zusammenhang.
Wer in der Eucharistie Christus begegnet, begegnet demselben Christus im verwundeten Menschen. Die Verehrung des Leibes Christi auf dem Altar kann nicht von der Achtung des Leibes Christi getrennt werden, der uns im leidenden und verletzlichen Menschen begegnet. Sakramentale Frömmigkeit und konkrete Verantwortung gehören untrennbar zusammen.
Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt hat exemplarisch deutlich gemacht, dass es zwischen dem Anspruch des Evangeliums und dem konkreten Handeln der Kirche eine schmerzliche Diskrepanz geben kann. Sie hat uns vor Augen geführt, dass die Verkündigung der unveräußerlichen Würde jedes Menschen ihre Glaubwürdigkeit verliert, wenn diese Würde nicht wirksam geschützt wird. Diese Erfahrung berührt die Glaubwürdigkeit der Kirche in ihrem Kern.
Deshalb verstehe ich das Projekt „Mut zum Hinsehen“, das in den kommenden Wochen abgeschlossen wird, nicht als ein zusätzliches Arbeitsfeld neben anderen pastoralen Aufgaben. Es gehört zum geistlichen Erneuerungsprozess unserer Ortskirche. Es geht um den Anspruch des Evangeliums, das wir verkünden und feiern.
Die Erneuerung der pfarrlichen Gremien
Wenn Liturgie unser Kirchenbild prägt und der Gottesdienst sich im Leben fortsetzt, dann müssen diese Grundentscheidungen auch unsere Leitungs- und Verantwortungskultur prägen. Sie müssen sichtbar werden in der Art, wie wir Entscheidungen treffen, Verantwortung teilen und unsere Gemeinden gemeinsam leiten.
Vor diesem Hintergrund gewinnen die Pfarrgemeinderatswahlen am 25. Oktober ihre eigentliche Bedeutung. Sie sind weit mehr als ein organisatorischer Vorgang. Sie bringen das Vertrauen zum Ausdruck, dass Christus seine Kirche auch heute durch das Zusammenwirken aller Getauften aufbaut und der Heilige Geist ihr die Menschen schenkt, die sie für ihre Sendung braucht. Das Zweite Vatikanische Konzil spricht deswegen mit Überzeugung davon, dass das Priestertum aller Gläubigen, das verankert ist in Taufe und Firmung, und das Priestertum des Dienstes, das durch das Weihesakrament übertragen wird, aufeinander hin geordnet sind, ohne sich gegenseitig aufzuheben (vgl. LG 10). Alle Glieder des Volkes Gottes brauchen einander – nicht nur organisatorisch, sondern vom Glauben und vom Wesen der sakramentalen Grundstruktur unserer Kirche her!
Deshalb wünsche ich mir, dass die kommenden Wochen nicht allein der organisatorischen Vorbereitung der Wahlen dienen. Sie sollten zu einer Zeit geistlicher Vorbereitung werden. Die entscheidende Frage lautet nicht zuerst: Wer kandidiert? Sie lautet: Wohin führt uns Gott durch die Menschen, die er uns zur Seite stellt? Zu welchen Menschen sind wir heute in besonderer Weise gesandt?
Diese Frage verändert auch die Kultur unserer Gremien. Wo gemeinsam auf Gottes Wort gehört wird, verändert sich die Art, Entscheidungen zu treffen. Diskussionen erschöpfen sich dann nicht im Abwägen unterschiedlicher Interessen, sondern werden Teil eines gemeinsamen Suchens dem Willen Gottes.
Deshalb ermutige ich alle Pfarrgemeinderäte, Pastoralteams und Pfarreienräte: Nehmen Sie sich Zeit für das gemeinsame Gebet und für das gemeinsame Hören auf das Wort Gottes! Erzählen Sie einander von Ihren Glaubenserfahrungen. Fragen Sie nicht nur, welche Probleme zu lösen sind, sondern auch, wo Gott in Ihrer Gemeinde bereits wirkt und wohin er Sie führen möchte. Sammeln und teilen Sie diese Erfahrungen. Denn eine synodale Kirche wächst dort, wo Menschen gemeinsam entdecken, was der Heilige Geist bereits unter ihnen wirkt. Und ER wirkt – auch heute und unter den heutigen Bedingungen. Das hat ER uns versprochen.
Die Pastoralteams
In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf die Einführung der Pastoralteams in allen Pfarreien eingehen. Die Einführung der Pastoralteams hängt natürlich auch mit den veränderten personellen Bedingungen zusammen. Ihr eigentlicher Grund liegt jedoch tiefer. Wer sie nur als Antwort auf den Priestermangel versteht, verfehlt ihren Sinn.
Pastoralteams machen sichtbar, was das Zweite Vatikanische Konzil, die Weltsynode und unsere Diözesansynode gleichermaßen betonen: Die Kirche lebt aus der gemeinsamen Berufung aller Getauften und der Vielfalt ihrer Charismen. Leitung bedeutet deshalb, Charismen zu erkennen, Menschen zu fördern und Verantwortung gemeinsam wahrzunehmen. So entsteht jene synodale Kultur des Hörens, der geistlichen Unterscheidung und der Zusammenarbeit, die unsere Kirche heute braucht.
Papst Leo hat in seiner jüngsten Enzyklika unterstrichen: In unserer Gesellschaft, die vielfach durch Individualisierung, Polarisierung und Konkurrenz geprägt ist, können wir als Kirche, die Verantwortung teilt und gemeinsam entscheidet, zu einem glaubwürdigen Zeichen des Evangeliums werden.
Die Zukunft unserer Pfarreien
Von hier aus möchte ich schließlich den Blick auf die Zukunft unserer Pfarreien richten. Wir werden auf Dauer nicht alle Pfarreien in ihrer heutigen rechtlichen und organisatorischen Gestalt erhalten können. Für diesen Realismus möchte ich Sie alle gewinnen! Das ist weder Ausdruck eines Scheiterns noch Ergebnis einer bewussten Strategie, sondern eine Folge tiefgreifender Veränderungen in Kirche und Gesellschaft – ob wir es wahrhaben wollen oder nicht.
Ich sehe zwei Versuchungen, die uns gleichermaßen in die Irre führen können. Die erste besteht darin, bestehende Strukturen unabhängig von ihrer pastoralen Tragfähigkeit bewahren zu wollen. Dahinter steht häufig eine berechtigte Liebe zur eigenen Pfarrei und zu ihrer Geschichte. Dennoch gilt: Kirchliche Strukturen sind kein Selbstzweck. Sie sind entstanden, um der Sendung der Kirche zu dienen. Wo sie diese Aufgabe nicht mehr erfüllen, müssen sie neu bedacht werden.
Die zweite Versuchung besteht darin, strukturelle Veränderungen selbst zum Maßstab kirchlicher Erneuerung zu machen. Weder die kleine Pfarrei noch die große Seelsorgeeinheit sind ein pastoraler Wert an sich. Beide sind Ausdrucksformen kirchlichen Lebens, nicht dessen Ursprung!
Deshalb muss jede Strukturfrage an einer grundlegenden pastoralen Leitfrage ausgerichtet werden: Welche Formen kirchlicher Organisation ermöglichen heute am besten, dass Menschen den Glauben kennenlernen, ihn feiern, in Gemeinschaft leben und als Christinnen und Christen Verantwortung in der Welt übernehmen?
Diese Frage lässt sich nicht am Schreibtisch beantworten. Sie verlangt geistliche Unterscheidung und den ehrlichen Blick auf die konkrete Situation vor Ort. Deshalb haben wir uns in unserer Diözese bewusst gegen zentral vorgegebene Standardlösungen entschieden. Wir möchten die Seelsorgeeinheiten ermutigen, ihre Situation gemeinsam zu betrachten, aufeinander und auf den Heiligen Geist zu hören und daraus tragfähige Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln. Wo daraus weitergehende strukturelle Veränderungen erwachsen, sollen sie Frucht eines gemeinsamen geistlichen Prozesses sein – nicht bloß einer Verwaltungsentscheidung.
Letztlich entscheidet sich die Zukunft einer Pfarrei nicht an ihrer Größe, ihrem Vermögen oder ihrer rechtlichen Eigenständigkeit. Sie entscheidet sich daran, ob Menschen dort dem Evangelium begegnen, ihren Glauben vertiefen, Gottesdienst feiern und erfahren, dass christliche Gemeinschaft ihr Leben trägt. Wo dies geschieht, erfüllt eine Pfarrei ihren Auftrag.
Reform des bischöflichen Ordinariats
Was für unsere Pfarreien gilt, gilt ebenso für die Diözese insgesamt. Auch das Bischöfliche Ordinariat ist gerufen, sich immer wieder vom Evangelium her erneuern zu lassen. Deshalb haben wir im vergangenen Jahr einen geistlichen und synodalen Reformprozess begonnen. Dabei ging es nicht zuerst um Organigramme oder Zuständigkeiten, sondern um die Frage, wie unsere Strukturen und unser Leitungsstil dem Auftrag der Kirche heute besser dienen können.
Die Zukunft unserer Diözese entscheidet sich nicht in den Büros des Ordinariats, sondern in den Gemeinschaften vor Ort. Dort wird geglaubt, gebetet, gefeiert und Verantwortung übernommen. Deshalb muss sich auch das Ordinariat konsequent an diesem Auftrag ausrichten: Gemeinschaften vor Ort zu begleiten und Menschen in ihrem Glaubensweg und ihrem Dienst zu stärken. Wo wir dieses Ziel aus den Augen verlieren, verlieren unsere Strukturen ihren eigentlichen Sinn.
Das kommende Jahr wird für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ordinariats herausfordernd sein. Vertraute Arbeitsweisen werden sich verändern, manches wird sich erst im gemeinsamen Tun bewähren. Ich bitte alle – im Ordinariat und auf allen Ebenen der Diözese -, diesen Weg mit Offenheit und Vertrauen mitzugehen. Er verlangt Lernbereitschaft und den Mut, Gewohntes loszulassen. Denn nur eine Kirche, die bereit ist, sich selbst immer wieder vom Evangelium erneuern zu lassen, kann andere glaubwürdig begleiten.
Ausblick: Die Chance und der Auftrag der kommenden Monate
Die Heilige Schrift erzählt keine Erfolgsgeschichte institutioneller Entwicklung. Sie erzählt die Geschichte von Menschen, die Gott begegnen und dadurch verändert werden. Diese Dynamik prägt bis heute das Leben der Kirche. Auch unsere christlichen Gemeinden und Gemeinschaften leben nicht von Konzepten oder Strategien, sondern von den Erfahrungen der Menschen mit Gott.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir wieder stärker lernen, diese Erfahrungen gelebten Glaubens miteinander zu teilen. Wo haben wir Trost erfahren? Wo ist Versöhnung gelungen? Wo wurde Hoffnung neu möglich? Wo hat eine liturgische Feier, ein Gespräch oder eine Begegnung einen neuen Zugang zum Glauben eröffnet?
Solche Erfahrungen sind mehr als persönliche Erinnerungen. Sie zeigen, dass Gott auch heute in unserer Mitte handelt. Deshalb möchte ich Sie ermutigen, diesen Erfahrungsschatz bewusst wahrzunehmen und weiterzugeben: in den Pfarrgemeinderäten, den Pastoralteams, den Gottesdiensten, den Pfarrbriefen und den vielen Begegnungen des Alltags. Mission beginnt dort, wo Menschen erzählen, wie Gott ihr Leben berührt hat.
Schluss
Die Erneuerung der Kirche wird nicht zuerst durch neue Strukturen gelingen. Sie beginnt dort, wo die Kirche neu aus ihrer Quelle lebt. Deshalb ist die Liturgie weit mehr als ein pastoraler Teilbereich. In ihr empfängt die Kirche immer neu, was sie selbst nicht hervorbringen kann: die Gegenwart Christi, das Wort des Lebens, die Kraft des Sakramentes, das Wirken des Heiligen Geistes. Von hier aus gewinnen unsere Verkündigung, unsere Entscheidungen, unsere Strukturen und unsere Sendung ihren Maßstab.
Ich wünsche mir für unsere Diözese eine Kirche, die gelernt hat zu hören: auf Gott, auf sein Wort, auf die Menschen und auf das Wirken des Heiligen Geistes in unserer Zeit. Eine Kirche, die sich nicht von ihren Defiziten bestimmen lässt, sondern von der Verheißung Christi: „Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Eine Kirche, deren Liturgie wirklich Quelle der Kraft ist, weil sie immer neu zur Quelle ihres Lebens, zum dreifaltigen Gott, zurückkehrt.
Dann dürfen wir den kommenden Veränderungen mit Zuversicht begegnen. Nicht weil wir alle Antworten kennen oder alle Entwicklungen vorhersehen können, sondern weil wir darauf vertrauen, dass der Herr seiner Kirche vorausgeht und sie auch heute durch seinen Geist begleitet, führt und erneuert.
Bitten wir oft: „Herr, erwecke deine Kirche, und fange bei mir an.“
