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Hirtenbriefe

Tag der Solidarität 2023

Bischof Ivo Muser

3. Fastensonntag, Tag der Solidarität, 12. März 2023

 

„Danke – Grazie – De gra - Giulan“

 

Liebe Schwestern und Brüder in unserer Diözese Bozen-Brixen!

Dankbarkeit gehört nicht nur zum guten Ton. Dankbarkeit ist eine Haltung, die eine Lebenseinstellung ausdrückt. Mehr noch: Dankbarkeit ist Gebet.

Im Danken erkennen wir, dass wir ohneeinander nicht leben können, dass wir aufeinander angewiesen sind und dass wir einander brauchen. Im Danken erkennen wir auch, dass wir Beschenkte sind: Wir antworten auf die Liebe, die uns entgegengebracht wird.

Den Dank auszusprechen – sei es im Geben als auch im Empfangen – ist wohltuend und befreit aus Einsamkeit. Ein „Danke“ stärkt Beziehungen, überwindet blinde Flecken der Selbstbezogenheit und hilft, dass wir uns auf andere einlassen.

Woran erkennt man uns Christinnen und Christen?

Jesus gibt eine eindeutige Antwort: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ (Joh 13,35). Die Zuwendung zu den Menschen öffnet den Weg zu Gott.

Christsein bedeutet, in Gemeinschaft mit Jesus Christus zu leben; diese Beziehung nimmt im Dienst für und mit den Menschen eine konkrete Gestalt an. Nächstenliebe ist die christliche Identitätskarte, die tägliche Herausforderung der Ernsthaftigkeit unserer Gottesliebe.

Grundvollzüge der Kirche

Dienst am Nächsten, Gottesdienst, Verkündigung des Evangeliums, Leben für die Gemeinschaft: diese vier Dimensionen gehören zusammen und machen das Wesen der Kirche aus. Im Zusammenspiel dieser vier Grundvollzüge konstituiert sich Christsein. Aus diesem Grunde ermutige ich dazu, darauf zu achten, diese im Gleichgewicht zu halten – auch wenn das oft schwierig und anspruchsvoll ist. Was am Sonntag gepredigt und gefeiert wird, muss auch am Montag spürbar sein.

Nahe und gemeinsam

Von der Pfarrcaritas über Ordensgemeinschaften zum KVW und ACLI, vom Vinzenzverein zu Unitalsi, von den vielen im Gesundheitswesen und in sozialen Einrichtungen, die vor allem in der Pandemie so Wertvolles geleistet haben: Wir sind reich beschenkt mit Menschen, die sich für andere einsetzen und an einer solidarischen Gesellschaft mitbauen. All diese Menschen sind Übersetzer der biblischen Botschaft in den Alltag; sie sind an den Rändern der Gesellschaft unterwegs, schauen hin, gehen hin und hören zu. Sie leisten Hilfe zur Selbsthilfe – durch finanzielle Unterstützungen, durch Gespräche, auch durch die Weitervermittlung an professionelle Einrichtungen, wie die Diözesancaritas.

Seien wir dankbar für diese Institutionen, wobei caritatives Handeln nicht auf sie beschränkt werden darf. Caritas und Solidarität sind Auftrag für uns alle!

Solidarität mit den Schwachen unter uns

Es gibt eine Verantwortung der Einzelnen, die nicht abgeschoben, delegiert und von anderen eingefordert werden kann. Wir alle sind gefragt, wenn es darum geht, weniger zu fordern, mehr zu teilen und konkrete Solidarität zu üben.

Nach christlichem, aber auch nach humanistischem Verständnis, gehört zum Menschsein der Schutz der Schwachen, wer immer diese sind. Wer den Schutz der Schwachen aufgibt, gibt die Identität des Menschen preis.

Wir brauchen den Mut, den Willen und die Kraft, das Gemeinwohl höher zu schätzen als die Ansprüche, Interessen und Forderungen einzelner und bestimmter Kreise. Wir brauchen eine Politik, die von den Schwachen und Nicht-Einflussreichen her handelt und die von der Verantwortung für kommende Generationen her Maßnahmen setzt.

Belastbare Solidarität

Der Begriff der Solidarität ist zentral für das Gelingen menschlichen Zusammenlebens. Ohne ein hohes Maß an belastbarer Solidarität werden der demographische Wandel, die Umbrüche in der Arbeitswelt, das   Einkommensgefälle, die wachsende Armut, der Flüchtlingsnotstand, die Klimakrise nicht zu bewältigen sein. Da braucht es mehr und nicht weniger Solidarität! Sie darf nicht allein auf die individuelle Ebene ausgelagert werden. Sie ist zu flankieren mit einem starken öffentlichen Engagement, mit der Übernahme von Eigenverantwortung und mit der Aufwertung der Freiwilligenarbeit.

Danke

Der Tag der Solidarität soll ein „Danke-Tag“ sein. Ein bewusstes Danke sage ich allen, die sich im Denken, Reden und Tun für die Schwachen stark machen. Allzu leicht passiert es, dass wir den Dienst der vielen Menschen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, als selbstverständlich nehmen. Es ist aber nicht selbstverständlich, dass Menschen sich in den Dienst anderer Menschen stellen, im Gegenteil. Wo Menschen das tun, wird Gott selbst erkenn- und erfahrbar.

So lade ich ein, am Tag der Solidarität, den wir in unserer Diözese in der Mitte der Fastenzeit begehen, jenen Personen zu danken, für die Nächstenliebe ein „Tun-Wort“ ist. Leben und tun wir diese Liebe, diese Solidarität: in unseren Beziehungen, in unserer Pfarrei, in unseren Schulen, Betrieben und Arbeitsstätten, in unserer Gesellschaft und Politik. Am konkreten Handeln für Menschen, die unseren Einsatz, unsere Stimme, unser Ohr und unsere helfende Hand brauchen, zeigt sich der christliche Glauben. Nicht zuletzt daran zeigt sich, dass wir Christen und Christinnen sein und bleiben wollen – in SEINER Nachfolge.

 

Verbunden in IHM und untereinander

Euer Bischof

Ivo Muser

 

Hirtenbrief in Leichter Sprache