Liebe Schwestern und Brüder in unserer Diözese Bozen-Brixen!
Mit dem Aschermittwoch beginnen wir die 40 Tage der Fastenzeit, um unser Leben wieder neu am Wort Gottes auszurichten und uns durch Gebet, Fasten und Werke der Liebe für das Geschenk des Lebens, des Leidens und der Auferstehung unseres Herrn zu öffnen. Wir wollen so das Licht Christi, welches die Osternacht hell werden lässt wie den Tag (vgl. Exsultet), wieder als Kraft für unseren Weg entdecken. Daher möchte ich gemeinsam mit euch in dieser österlichen Bußzeit und mit Blick auf das Licht der Kar- und Ostertage hinschauen auf das, was wir tun, wenn wir uns versammeln, um uns in seiner Gegenwart zu stärken und das Leben danach auszurichten.
Gegenwärtig in der Gemeinde, die betet und singt
Christus hat uns versichert: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,18–20).
Dieses Versprechen des Auferstandenen gilt auch uns heute. Es öffnet uns für die vertrauensvolle Begegnung in Wort und Sakrament. Nur weil wir uns in seinem Namen versammeln, ist das gemeinsame Feiern und das Leben, das daraus erwächst, möglich.
Wir erleben in unserer Kirche derzeit große Veränderungen. Auch in unserem gottesdienstlichen Tun spiegeln sich die pastoralen Veränderungen wider. Wir merken, dass wir weniger werden, wenn wir als feiernde Gemeinde zusammenkommen. Der Priestermangel wirkt sich immer deutlicher aus und der Gläubigenmangel geht an die Substanz vieler unserer Pfarr- und Gottesdienstgemeinschaften. Beides fordert unseren Glauben und unsere Glaubenspraxis stark heraus und wirft Fragen auf, die auch leidvoll sind.
Aufgrund der Taufe sind wir befähigt, ausgestattet mit der Kraft und Gnade des Heiligen Geistes, Gottesdienst zu feiern. Wir haben „Christus angezogen“ (vgl. Feier der Kindertaufe). Als Getaufte und Gefirmte haben wir Anteil am priesterlichen, königlichen und prophetischen Amt Christi. Es ist unsere Würde und unsere Aufgabe, Gott zu loben und füreinander im Gebet einzustehen, das Wort Gottes aufzunehmen und es als Wegweisung weiterzugeben. Wir tragen Verantwortung füreinander, geführt und begleitet vom Guten Hirten Jesus Christus. Das christliche Leben mündet ein in den gemeinsamen Gottesdienst. So ist „die Liturgie [ist] der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“ (Sacrosanctum Concilium10). Gemeint sind alle liturgischen Feiern, vom Stundengebet über Wort-Gottes-Feiern, das Gebet in Form von Andachten, die eucharistische Anbetung, die Feier der Sakramente und Sakramentalien bis hin zur Eucharistiefeier, die die höchste Form christlichen Betens ist. Christus ist gegenwärtig in der Gemeinde, die betet und singt, in seinem Wort, in den liturgischen Handlungsträgern und in den Zeichenvollzügen, besonders im eucharistischen Leib und Blut.
In unserer Diözese haben meine beiden Vorgänger im bischöflichen Leitungsdienst, Wilhelm Egger und Karl Golser, stets die Eigenständigkeit der liturgischen Feierformen betont und berücksichtigt. Auch ich tue das. Denn jede liturgische Feier hat ihre begründete Form und ihren innewohnenden Sinn.
Gegenwärtig im Wort
Die Botschaft Jesu ist aktueller denn je, davon bin ich fest überzeugt. Vielleicht ist es nicht immer das, was wir hören wollen, aber es ist die Stimme Gottes, die durch die Zeit und über die Zeit hinaus verweist. Daher dürfen wir unseren Auftrag als Kirche niemals außer Acht lassen, nämlich die Frohbotschaft in das Heute hineinzusagen und daraus zu leben. Wir erleben in unserer Diözese spürbar kirchliche und strukturelle Veränderung. Gerade in Zeiten des Umbruchs ist ein missionarischer Aufbruch nötig, der nur dann gelingen kann, wenn wir auf das Wort Gottes hören. Dadurch baut sich die Kirche auf und daran wächst sie (vgl. Pastorale Einführung ins Messlektionar 7).
Christus ist gegenwärtig im Wort, das Christinnen und Christen über die Jahrhunderte hinweg weitergegeben haben. Daher halte ich daran fest, dass Wort-Gottes-Feiern als eigenständige liturgische Feier ohne beigefügte Kommunionfeiern – außer in den Krankenhäusern und Seniorenwohnheimen in Form der Krankenkommunion – stattfinden. Ich sage das aus tiefer Wertschätzung dieser vom 2. Vatikanischen Konzil angeregten Feierform gegenüber und aufgrund liturgietheologischer Überlegungen, die ich für nachvollziehbar und gut begründet erachte. Auch in diesen Feiern soll der Reichtum der Leseordnung voll ausgeschöpft werden. Dort, wo es sich eingebürgert hat, dass nicht alle alt- und neutestamentlichen Lesungen mit ihren Antwortpsalmen vorgetragen werden, soll die Praxis überdacht werden, da diese Regelung nur in pastoralen Ausnahme-situationen greifen sollte. Vor allem darin erschließt sich der Reichtum der Wort-Gottes-Feiern, da „sie den Gläubigen die Möglichkeit geben, weiter in den Reichtum des Lektionars vorzudringen, um die Heilige Schrift zu betrachten und darüber zu beten“ (Papst Benedikt XVI., Verbum Domini 65). Die Heilige Schrift ist ein Schatz, der uns im Vorlesen und Hören Christus näherbringt, denn wie der heilige Hieronymus in seinem Jesaja-Kommentar prägnant formuliert, „die Schrift nicht kennen […]“ heißt „Christus nicht kennen“. Die Heilige Schrift in den Mittelpunkt zu rücken, kann im Gottesdienst auch dadurch zum Ausdruck gebracht werden, dass das Lektionar oder Evangeliar nach alter Tradition auf den Altar gestellt wird: „Das Wort Gottes ist nämlich wahre Speise und wahrer Trank, die man aus der Kenntnis der Schriften schöpft“ (Hl. Hieronymus).
Gegenwärtig in Brot und Wein
„Als Werk Christi und des hierarchisch gegliederten Volkes Gottes ist die Feier der heiligen Messe für die Welt- und Ortskirche wie auch für jeden einzelnen Gläubigen Mitte des ganzen christlichen Lebens. In ihr findet das Wirken Gottes seinen Höhepunkt…“, so steht es im 1. Kapitel der Einführung ins Römische Messbuch. Es ist eine schmerzliche Tatsache, dass Eucharistiefeiern mit dem spürbaren Rückgang an Berufungen zum Priestertum bei uns immer weniger werden. Das ist eine Not und eine Verarmung, die uns nicht gleichgültig sein darf.
Die enge Verbindung von eucharistischem Hochgebet, die damit verbundene Wandlung und der Empfang der Gaben von Brot und Wein sind die vorgesehene Form, Christus, der sich selbst schenkt, aufzunehmen. Daher erscheint es umso wichtiger, dass die Gaben, die der Gemeinde gereicht werden, auch im jeweiligen Gottesdienst gewandelt werden und nicht, wie es mancherorts üblich geworden ist, die in Christus versammelte Gemeinde mit konsekrierten Hostien aus dem Tabernakel zu versorgen. Zu fördern ist, sofern nicht schon vorhanden, die Gabenprozession. Die eucharistischen Gaben werden von Ministrierenden oder Personen aus der Mitte der Feiergemeinde über den Mittelgang zum Altar gebracht. Denn: Mit den Gaben am Altar bringen wir uns selbst dar. Durch den Vollzug des Eucharistischen Hochgebets werden nicht nur die Gaben auf dem Altar, sondern auch die versammelte Gemeinde, die durch ihr Mitbeten und Mitsingen, um den auferstandenen Herrn versammelt ist, gewandelt. So bringen es auch die Hochgebete zur Sprache.
Das II. Vatikanische Konzil sagt es in seiner Liturgiekonstitution mit großer Klarheit: „Aus apostolischer Überlieferung, die ihren Ursprung auf den Auferstehungstag Christi zurückführt, feiert die Kirche Christi das Paschamysterium jeweils am achten Tage, der deshalb mit Recht Tag des Herrn oder Herrentag genannt wird. An diesem Tag müssen die Christgläubigen zusammenkommen, um das Wort Gottes zu hören, an der Eucharistiefeier teilzunehmen und so des Leidens, der Auferstehung und der Herrlichkeit des Herrn Jesus zu gedenken und Gott dankzusagen, der sie „wiedergeboren hat zu lebendiger Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“ (1 Petr 1,3). Deshalb ist der Herrentag der Urfeiertag, den man der Frömmigkeit der Gläubigen eindringlich vor Augen stellen soll, auf dass er auch ein Tag der Freude und der Muße werde“ (Sacrosanctum Concilium 106).
Wir wissen und erleben es alle: Es ist in unserer Diözese nicht mehr möglich, an jedem Sonntag in allen Pfarrgemeinden die Eucharistie zu feiern. Deswegen bitte ich darum, dass wir alle liturgischen Feiern am Sonntag – Wortgottesfeiern ohne Kommunionausteilung, die Feier des Stundengebetes, eucharistische Andachten, das gemeinsame Rosenkranzgebet, aber auch neue Formen wie Taizègebete und Evensong – so pflegen, fördern und gestalten, dass der enge Zusammenhang von Sonntag und Eucharistie deutlich bleibt und dass sie die Sehnsucht nach der sonntäglichen Eucharistie nähren und wach halten.
Dank
Es freut mich, bei den vielen Besuchen in den Pfarrgemeinden und in den Gesprächen mit den vielen Verantwortlichen feststellen zu können, wie lebendig das liturgische Leben in unserer Diözese ist. So dürfen wir aus der Beziehung zum Gekreuzigten und Auferstandenen der Zukunft zuversichtlich entgegengehen.
Ich danke allen Mitbrüdern im priesterlichen und diakonalen Dienst sowie den Ordensschwestern und -brüdern. Den vielen Leiterinnen und Leitern von Wort-Gottes-Feiern sowie allen Vorbeterinnen und Vorbetern und allen Menschen, die durch ihr Mitfeiern – auch den Kindern und Jugendlichen – dazu beitragen, dass Christus mitten unter uns gegenwärtig ist. Ihr seid wichtig und wertvoll, damit das Glaubensleben in unserer Diözese lebendig bleibt!
Gehen wir den Weg durch diese heiligen 40 Tage. Lassen wir uns wieder neu stärken durch das Wort Gottes, suchen wir die Begegnung mit dem Herrn in der Eucharistie und im Bußsakrament, vertiefen wir die Beziehung mit Gott in Jesus Christus, die uns in der Taufe geschenkt ist und die wir in der Osternacht, der wichtigsten Feier des Kirchenjahres, wieder neu bekräftigen werden.
Ich weiß mich mit euch allen verbunden im Osterbekenntnis unseres Glaubens: „Christus, gestern und heute. Anfang und Ende. Alpha und Omega. Sein ist die Zeit und die Ewigkeit. Sein ist die Macht und die Herrlichkeit in alle Ewigkeit“ (Gebet beim Bereiten und Entzünden der Osterkerze).
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Eine Zusammenfassung dieses Hirtenbriefes soll den Gläubigen bei den Gottesdiensten am 1. Fastensonntag vorgetragen werden. Ich bitte darum, sich mit dem Inhalt dieses Hirtenbriefes auseinanderzusetzen: durch persönliche und gemeinschaftliche Lektüre, durch das Gespräch in Gruppen und Gremien, vor allem in den Pfarrgemeinderäten und Pfarreienräten.
